3904 Sprichwörter, Redewendungen, Idiome, geflügelte Worte



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S

Sabotage...kommt vom franz. »sabot« (Holzschuh): Landarbeiter warfen zur Zeit der industriellen Revolution ihre Holzpantinen in Mäh- und Dreschmaschinen, um gegen die unaufhaltsame Mechanisierung zu protestieren. Der »sabot« wurde so zum Symbol der für ihre Sache kämpfenden Arbeiter.

Saftladen...sagen wir gelegentlich zu einem sehr schlecht geführten Geschäft. Ursprünglich stand der Begriff wohl für Apotheken, in denen verschiedene Kräutersäfte verkauft wurden. In den 1920er Jahren nannte man Altberliner Kneipen, Bars und Likörstuben so nach dem zumeist alkoholischen »Saft«, der hier ausgeschenkt wurde. Mit der Zeit verkamen diese Etablissements mehr und mehr, also war es nicht mehr weit bis zu dieser abfälligen Bezeichnung.

Sag mir, was Du ißt und ich sage Dir, wer Du bist...heißt es in »La Physiologie du Goût« (Die Physiologie des Geschmacks) des französischen Schriftstellers und Philosophen Jean Anthelme Brillat-Savarin (1755-1826), dessen große Leidenschaft das Kochen war. In diesem Buch aus dem Jahre 1826 geht es nicht nur um die Zubereitung exquisiter Speisen, sondern grundsätzlich um sehr geistvolle Theorien zu Tafelfreuden - eine Art Lebenslehre, die wesentlich zur Entwicklung der französischen Kochkunst beitrug.

SalamitaktikDie Wurst schmeckt erst richtig gut, wenn sie hauchdünn aufgeschnitten wird - in der Politik steht diese Taktik für besonders zähe Verhandlungen: Die Seite, die sie anwendet, weicht Scheibchen für Scheibchen vorn ursprünglichen Ziel zurück und verhindert so eine schnelle gütliche Einigung. Den Ausdruck prägte 1947 der ungarische Politiker Zoltán Pfeiffer (1900-81), der mit »szalámitaktika« die schrittweise kommunistische Machtübernahme beschrieb, mit denen die Partei der Ungarischen Werktätigen ihr Ziel schließlich auch erreichte. Pfeiffer verlor bald seinen Posten und emigrierte in die USA.

Salbadern...ist ein alter Ausdruck für »schwafeln, schwätzen« - jemand hält eine langatmige Rede mit vielen moralischen Aufrufen, ohne wirklich etwas vom Fach zu verstehen. Das Wort ist möglicherweise zusammengesetzt aus »Sal« (Salz) und dem »Bader«, einem Vorgänger des heutigen Arztes. Ein Bad in Salzwasser war wohl schon früher ebenso unnütz wie dieses seit dem 17. Jahrhundert bekannte seichte Geschwätz und heuchlerische Frömmelei.

Salomonisches UrteilZwei Frauen streiten einst vor König Salomo erbittert um das Recht an einem kleinen Kind. Der königliche Richter macht einen auf den ersten Blick grausamen Vorschlag: Die Frauen sollen das Kind mit dem Schwert zerteilen, die leibliche Mutter bringt das nicht übers Herz: »Dixit autem mulier cuius filius erat vivus ad regem commota sunt quippe viscera eius super filio suo obsecro domine date illi infantem vivum et nolite interficere eum contra illa dicebat nec mihi nec tibi sit dividatur«. - »Da sprach das weib des Son lebete zum Könige: Ah mein Herr; Gebet jr das Kind lebendig vnd tödtet es nicht. Jene aber sprach: Es sey weder mein noch dein. Lasst es teilen!« (1 Könige 3.26). Für Salomo der Beweis, wer die Mutter ist, er spricht das Kind der Frau zu, die wahre Kindesliebe gezeigt hat: »Respondens rex ait date huic infantem vivum et non occidatur hæc est mater eius audivit itaque omnis Israhel iudicium quod iudicasset rex et timuerunt regem videntes sapientiam Dei esse in eo ad faciendum iudicium« - »Da antwortet der König vnd sprach: Gebt dieser das Kind lebendig vnd tödtets nicht, die ist seine Mutter. Vnd das Vrteil erschall fur dem gantzen Jsrael, das der König gefellet hatte. Vnd furchten sich fur dem Könige. Denn sie sahen, das die weisheit Gottes in jm war, Gericht zu halten«. (1 Könige 3.27f) Es ist aus heutiger Sicht eine robuste Weisheit, die aus dem Urteil spricht, soviel Handfestigkeit lag im Geist der damaligen Zeit. Kurz vorher hatte Salomo mit seinem Bruder kurzen Prozeß gemacht. Dessen raffinierte Bitte um eine Braut, die seine Chancen auf den Thron befördern könnte, besiegelt das Todesurteil: »Diese Bitte soll Adonia sein Leben kosten«, sagt Salomo - und fällt da ein gar nicht salomonisches Urteil. Die Geschichte hat Bertolt Brecht (1898-1956) so fasziniert, daß er das Motiv abgewandelt in seinem »Kaukasischen Kreidekreis« (1944/45, Uraufführung 1948) verwendet hat.

Salz der ErdeSalz war früher ein kostbares und teures Gewürz, Sinnbild für Reinheit und Lebenskraft. Mancher glaubt noch heute, daß es Unglück bringe, Salz zu verschütten. In der Bergpredigt bezeichnet Jesus seine Jünger mit den Worten: »Vos estis sal terræ quod si sal evanuerit in quo sallietur ad nihilum valet ultra nisi ut mittatur foras et conculcetur ab hominibus«. - »Jr seid das Saltz der Erden. Wo nu das Saltz thum wird, wo mit sol man saltzen? Es ist zu nicht hin furt nuetze, denn das man es hin aus schuette, vnd las die Leute zutretten«. (Matthäus 5.13) Er meint also, seine Männer seien so wichtig und wertvoll für die Welt, wie das Salz für die Speisen. Übertragen sind dies also fleißige, bodenständige, vorbildliche Menschen.

Salz in der Suppe...sagen wir, wenn etwas ganz besonders, nicht mehr zu verbessern ist: Speisesalz spielt für die Ernährung eine zentrale Rolle. Salzlose Speisen schmecken recht fad, und auch wenn Salz früher sehr teuer war, mußte doch zumindest ein wenig davon beim Kochen - nicht nur von Suppen und Eintöpfen - verwendet werden. Man spricht also nicht umsonst in zahlreichen Sprichwörtern vom Salz, um den hohen Wert des heutigen Pfennigartikels zu unterstreichen. Aber Vorsicht: Nicht die »Suppe versalzen!«

Salz in die Wunde streuenDurch eine unbedachte Äußerung verstärken wir jemandes Kummer noch: In der Antike bis zum Mittelalter gab es viele Medikamente auf Salzbasis. Die trocknende Wirkung des Salzes nutzte man unter anderem, um Wunden durch Austrocknung zu desinfizieren. Das war zwar sicherlich äußerst schmerzhaft, aber oft lebensrettend.

Samstags gehört Vati mir...warb der Deutsche Gewerkschaftsbund im Jahre 1956 für die Einführung der 5-Tage-Woche mit 8 Stunden täglicher Arbeitszeit, damit (Arbeiter-)Kinder das Recht haben sollten, ihren Vater zumindest an zwei Tagen die Woche sehen zu dürfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wegen des Wiederaufbaus der Wirtschaft zunächst verlängert, betrug die wöchentliche Arbeitszeit Mitte der 1950er Jahre noch 48 Stunden. Laut Umfragen zogen die Industriearbeiter einen freien Samstag einer täglichen Arbeitszeitverkürzung vor.
Heutzutage hätte der Spruch eher für Scheidungskinder Bedeutung - aber das ist wieder ein ganz anderes Thema...

Samt und sonders...sagen wir, wenn alles ohne Ausnahme gemeint ist. Die Zwillingsformel geht auf das althochdt. »saman« und »samet« für zusammengehöriges zurück, das heute noch in Verbindungen wie »insgesamt« oder »allesamt« gebräuchlich ist, auch als Ableitung in »sämtlich«. Das »sunder« meint zusätzlich alleinstehendes, die Wendung schließt also absolut alles ein.

Sand in die Augen streuen...hat nicht unbedingt mit dem Sandmännchen zu tun, das uns als Kindern den Schlaf brachte. Die Redensart, mit der wir den wahren Sachverhalt verschleiern, jemanden täuschen, eine Sache in einem für uns günstigeren Licht darstellen, kommt von einer unfairen Geste beim Fechten: Wenn sich jemand unterlegen fühlte, griff er gern mal mit der freien Hand in den Dreck und streute dem Gegner »Sand in die Augen«. Das war sicherlich nicht sehr ehrenhaft - aber im Ernstfall wird sich wohl kaum noch ein Gegner beschwert haben...

Sand in die Wüste tragen...würde wohl nur niemand ernstlich wollen. Genau wie »Eulen nach Athen« oder »Wasser ins Meer« wäre das etwas völlig Sinnloses, Unnützes und Vergebliches.

Sand ins Getriebe streuen...bedeutet, Unannehmlichkeiten zu verursachen oder gar Sabotage zu betreiben. Der Hintergrund der Metapher liegt in mechanischen Getrieben, die unbedingt gut geschmiert sein müssen, um fehlerlos zu funktionieren. Schon ein einzelnes kleines Sandkörnchen könnte hier unter Umständen verheerende Folgen haben.

Sand über etwas streuen...meint, daß wir nicht mehr über eine Angelegenheit sprechen, eine Sache auf sich beruhen und vergessen wollen: Schriftstücke, die man bis zur Erfindung des Löschpapiers verfaßte, wurden gewöhnlich mit feinem Sand, den man über die Tintenschrift streute, abgelöscht und waren somit erledigt, fertig.

Sandmännchen...nennen wir heute gemeinhin eine Trickfilmpuppe mit weißem Bart und Zipfelmütze, die seit dem 22. November 1959 fernsehmüde Kinder ins Bett bringt. Es basiert auf einer literarischen Figur, die schon seit Jahrhunderten aus verschiedenen Erzählungen - u.a. von E.T.A. Hoffmann oder Hans Christian Andersen - bekannt ist. Der ursprüngliche Hintergrund: Bei Müdigkeit werden die Augen trocken und es bilden sich kleine Kügelchen, die gefühlsmäßig feinen Sandkörnchen ähneln.

SandwichDer Name für das belegte Brot geht zurück auf John Montague, 4th Earl of Sandwich. (1718-92). Man sagt, daß der leidenschaftliche Spieler nicht gern vom Kartentisch aufstehen wollte und deshalb diese belegten Brote erfand. Die Legende ist allerdings kaum haltbar - der Earl soll ein böses Magenleiden gehabt haben und konnte so keine feste Nahrung zu sich nehmen - aber der Name blieb hängen. Ihm zu Ehren wurden von Entdecker James Cook auch die Inseln von Hawaii Sandwich-Inseln benannt.

Sanft wie ein Lamm...geht ursprünglich auf das Alte Testament der Bibel zurück, wo der Prophet Jesaja sagt: »Oblatus est quia ipse voluit et non aperuit os suum sicut ovis ad occisionem ducetur et quasi agnus coram tondente obmutescet et non aperiet os suum« - »Da er gestrafft vnd gemartert ward, thet er seinen Mund nicht auff wie ein Lamb das zur Schlachtbanck gefurt wird vnd wie ein Schaf das erstummet fur seinem Scherer vnd seinen mund nicht auff thut«. (Jesaja 53.7).

Sang- und klanglos...ist schon manch »Superstar« von der Bildfläche verschwunden. Der Ursprung dieser Wendung ist ein anderer: Bei einer normalen kirchlichen Beerdigung wird eine Toten-Andacht abgehalten, die Gemeinde singt Trauerlieder und der Küster läutet die Glocken. Bei einem Armenbegräbnis findet all dies nicht statt, es gibt keinen (Ge)sang und (Glocken)klang.

Sankt Nimmerleinstag...datieren wir gemeinhin - angelehnt an die zahllosen Namenstage aller möglicher Heiliger - ein Ereignis, das niemals eintreten, einen Tag, der nie jemals kommen oder sich jedenfalls sich bis in alle Ewigkeit verzögern wird.
Dieser freierfundene Heiligenname geht auf die seit dem frühen Mittelalter übliche Praxis zurück, Termine nicht mit kalendarischem Datum, sondern mit dem Namen des dem jeweiligen Tage zugeordneten Heiligen zu bezeichnen. So waren in ländlichen Regionen oft wichtige Heiligenfeste wie »Johanni« (24. Juni), »Jacobi« (25. Juli) oder »Matthäi« (21. September) »Stichtage« für die Einstellung oder Entlassung von Gesinde und die Fälligkeit von Verträgen.
Vom Amtsgericht Bad Tölz wurde im Jahre 1920 festgelegt, da der »Heilige Nimmerlein« nicht im Kalender verzeichnet sei, müsse für seinen Namenstag der Tag »Allerheiligen« (1. November) anzusehen sein, der für alle die Heiligen, die keinen eigenen Namenstag haben, begangen wird. Formaljuristisch ist allerdings nach § 133 BGB der Terminus »Sankt Nimmerlein« entsprechend seiner umgangssprachlichen Bedeutung mit »nie« zu übersetzen.

Sankt-Florians-Prinzip...meint, Bedrohungen nicht zu lösen, sondern auf andere zu verschieben: Früher war es üblich, die Hilfe des Heiligen Florian anzurufen, der als Schutzpatron für die Abwendung von Feuer und Dürre zuständig ist. Für volkstümliche Verbreitung sorgte ein Spruch, der - in den Alpen zuweilen über der Tür angebracht - das Prinzip prägnant erläutert:

 »Heiliger Sankt Florian, verschon' mein Haus, zünd' andere an!«

Sardonisches GelächterIn Homers Odyssee lacht der als Bettler verkleidete Odysseus »sardonisch« (bitter) in sich hinein, als er einem Kuhfuß ausgewichen ist, den ein übermütiger Freier nach ihm geworfen hatte. Das Wort findet heute noch gelegentlich Anwendung in der deutschen Sprache, wenn jemand boshaft und hämisch lacht. Nach anderer Deutung ist es den Sardoniern entlehnt, welche ihre siebzig Jahre alten Eltern dem Saturn opferten und die Feier mit einem Gelächter begleiteten, oder auch von dem Kraut Sardoa, einer Art giftigem Hahnenfuß, die Mund und Hals des Menschen so zuschnürte, daß er zu lachen schien.

Sauer macht lustig...sagt der Volksmund, denn er weiß, daß saures Essen gute Laune bringen kann. Saures macht Speisen leichter verdaulich, hilft dabei, den Säure-Basen-Haushalt günstig zu gestalten und kann die Konzentrationsfähigkeit verbessern, indem es direkt oder indirekt in den Gehirnstoffwechsel eingreift. Zitrusfrüchte beispielsweise stärken mit viel Vitamin C das Immunsystem und schützen vor Grippe und Erkältungen. Noch im 16. Jahrhundert galt die Zitrone gar als Heilmittel gegen Pest und Vergiftungen, sollte Wahnsinn heilen und Traurigkeit vertreiben. Das Sprichwort - ursprünglich »Sauer macht Appetit« (um 1700) - meint, Saures mache »gelüstig« auf Speisen. Eine Parodie der Wendung kommt aus dem Niederdeutschen: »Sûr mâkt lustig, sä Gode to sîne Fro, to terslöögt he ehr den Essigput up'n Kopp«. Andererseits können wir auch »Sauer sein« (verärgert, beleidigt) oder uns etwas »Sauer aufstoßen«, weil Ärger eine Überproduktion von Magensäure auslöst.

Saufen wie ein Bürstenbinder...kommt von der »bursa« (gemeinsame Kasse) mittelalterlicher Studentenverbindungen. Deren Mitglieder hießen »bursen«, später Burschen; das Verb dazu »burschen«, später »bürsten« für »trinken«. Erwähnt sei auch das lat. »purgare« - »gleichsam die Kehle oder das Glas ausputzen«.

Säufersonne...nennt der gemeine Ruhrpott-Trunkenbold den Mond, der ja bekanntlich auch ab und zu mal voll ist. Er glaubt, bei Tageslicht keinen Alkohol zu vertragen, trinkt erst abends und orientiert sich dann auf dem Heimweg nach dem Vollmond. Manch richtiger Säufer soll die Sonne angeblich erst gar nicht kennenlernen, weil er tagsüber seinen Rausch ausschläft - also scheint ihm erst wenn der Mond aufgeht die »Säufersonne«.

Sauft Wasser wie das liebe Vieh, und meint, es sei Krambambuli...sagt ein geflügeltes Wort, das auf ein Studentenlied von Christoph Friedrich Wedekind (1709-77) alias »Crescentius Coromandel« zurückgeht. Mehrfach umgeschrieben und erweitert auf über 100 Strophen wurde es schließlich in das »Allgemeine Deutsche Kommersbuch«, die wohl bedeutendste Sammlung von Studentenliedern, aufgenommen. Eine Strophe lautet:

 »Ihr dauert mich, ihr armen Toren,
  Ihr liebet nicht, ihr trinkt nicht Wein:
  Zu Eseln seid ihr auserkoren,
  Und dorten wollt ihr Engel sein,
  Sauft Wasser, wie das liebe Vieh,
  Und meint, es sei Krambambuli, Krambimbambambuli, Krambambuli!«

Der »Krambambuli« ist eine intensiv rote Spirituose, die ursprünglich in Danzig aus Auszügen von Wacholderbeeren hergestellt wurde, der Name setzt sich aus »Krandewitt« (Kranichholz, anderer Name für Wacholder) und dem rotwelschen »Blamp« (alkoholisches Getränk) zusammen. Bei Studentenverbindungen wird der Begriff seit dem 19. Jahrhundert aufgrund der ähnlichen Farbe auch für Feuerzangenbowle, Glühwein oder andere Weinmischgetränke verwendet.

Saumselig...ist ein alter Ausdruck für »verträumt, etwas nachlässig«.

Sauregurkenzeit...nennt der Volksmund traditionell den Hochsommer - die Zeit, in der die meisten Leute Ferien machen und im Geschäfts-, Politik- und Kulturleben wenig passiert. Dann hat die Journaille noch weniger Sinnvolles zu berichten, als ohnehin schon und die Gazetten werden mit nebensächlichen und kuriosen Meldungen gefüllt.
Seit dem späten 18. Jahrhundert verbindet die Berliner Mundart diese Zeit mit frisch eingelegten sauren Spreewaldgurken. Abgeleitet ist dieses Kompositum wohl als rotwelsche Verballhornung von der jiddischen »Zóres- und Jókresszeit« (hebr. »zarót« und »jakrút«; jidd. »zoro« und »joker«), der »Zeit der Not und der Teuerung«, in der es nur wenige Lebensmittel gab und jüdische Kaufleute sich um Inflation und Preise sorgten.

Savoir vivre»Zu leben wissen«.: Den Franzosen wird, nicht zuletzt aufgrund der prunkvollen Regierungszeit Ludwigs XIV. in Versailles, ein hoher Lebensstil nachgesagt. Heute meinen wir, jemand wisse, wie man sich sein Leben auf angenehme Art einrichtet.

SchabernackEinen Streich spielen, jemanden necken. Möglicherweise kommt der Begriff von dem keltischen Ausdruck für Feldhase: »cornisch scovarnog«, was »Schädiger der Feldfrüchte« bedeutet. Man bezeichnete früher auch eine Pelzmütze aus Hasenfell so und zur Zeit Nitharts (wahrscheinlich der Maler Matthias Grünewald, um 1480-1528) einen im Winter getragenen rauhhaarigen Hut als »Schavernac«. Über die Pelzmütze aus dem Hasenfell ist auch die Verbindung zu dem Sprichwort: »Den Schalk im Nacken tragen« wahrscheinlich.

SchachernJohann Georg Krünitz erklärt das Wort in seiner »Oeconomischen Encyclopädie« so: »Schachern, ein regelmäßiges thätiges Zeitwort, welnur im gemeinen Leben üblich ist, wo es handeln, Kauf= oder Tauschhandel treiben, bedeutet; aber nur von einem gewinnsüchtigen Handel im kleinen gebraucht wird. (...) Nach Adelung ist dieses Wort von den Juden entlehnt, welche dieses Wort bei ihrem Handel beständig im Munde führen, daher es auch nur von einer jüdischen, gewinnsüchtigen Art zu handeln gebraucht wird. Die Schacherei, das jüdisch=deutsche schachern ist aus dem Chaldäischen und Hebräischen kaufen, handeln entlehnt, wohin auch betrüglich handeln, lügen gehört; allein auch diese morgenländischen Wörter verrathen, daß sie vermittelst des intensiven oder iterativen r, ern, vom vorher erwähnten Zeitworte schachen, heftig bewegen, abstammen...« Da Juden im Mittelalter durch die Zunftordnung viele Berufe verwehrt waren und sie kein Land erwerben durften, lebten viele von ihnen vom Handel, sodaß der »Schacherer« oft mit dem Juden gleichgesetzt wurde.

Schachmatt...ist jemand, der total entkräftet, erschöpft ist, den wir besiegt, ausgeschaltet, handlungsunfähig gemacht, in eine ausweglose Situation gebracht haben.
Der Begriff kommt natürlich aus dem Schachspiel und bedeutet dort, daß der gegnerische König »im Schach« steht und es keinen Zug gibt, dieses Gebot aufzuheben - das Spiel ist aus.
Das Wort selbst geht auf das persische »schah mate« - der König (Schah) ist überfallen, geschlagen, hilflos - zurück. Die häufig gebrauchte Übersetzung »Der König ist tot« ist also falsch, denn der König wird im Spiel ja nicht geschlagen (getötet) sondern bleibt handlungsunfähig stehen.
Zusammen mit dem Spiel kam der Ausdruck im 12. Jahrhundert in die romanischen Sprachen und ins Deutsche, seit dem 13. Jahrhundert existieren einige Bedeutungserweiterungen, die sich alle auf Erschöpfung des Geistes oder des Körpers beziehen.

Schadenfreude ist die reinste Freude...denn sie kommt von Herzen. Wohl jedem von uns ist schon einmal ein Unglück widerfahren und andere konnten sich versteckt und heimlich oder offen mit Hohn und Spott, Sarkasmus und Ironie daran erfreuen. Die Schadenfreude ist wohl das einzige Gefühl, das unmittelbare Entspannung gibt, ein gesellschaftlicher Gleichmacher, der sozial Schwächere wenigstens für einen Augenblick auf das Niveau des vermeintlich Besseren, Schöneren oder Stärkeren stellt. Der Politiker und Industrielle Walther Rathenau (1867-1922) formulierte einst: »Die reinste Freude ist die Schadenfreude. Ihr lachet über dies verruchte Wort? Ihr solltet alle Tränen eurer Seele weinen, daß es ausgesprochen werden konnte!« Und dennoch - wer könnte schon ernsthaft von sich behaupten, daß er niemals Schadenfreude empfunden hätte‽

Schäfchenzählen...ist ein althergebrachter Trick, um besser einschlafen zu können. Es liegt ja irgendwie auch nahe: Schlaf, Schaf - die Vorstellung, daß unerschöpfliche Herden wollig-weicher Traumspender monoton über ihren Weidezaun springen, klingt schon geeignet, Alltagssorgen und negative Gedanken aus dem Kopf zu verbannen und bald in erholsamen Schlaf zu sinken. Auch wenn diese alte Methode die Einschlafphase tatsächlich meist eher verlängert, weil sie das Gehirn viel zu sehr beansprucht - bei manchem funktioniert sie halt...

SchäferstündchenWir möchten mit dem geliebten Partner ein Weilchen der Liebe frönen, uns in aller Heimlichkeit anschmachten und anhimmeln, vielleicht wird gar etwas mehr daraus. Das Wort kam in der Schäfer- und Hirtendichtung des 17./18. Jahrhunderts auf: Prosaisch wurden unerfüllte Liebe, romantisches Hirtenleben und idyllische Heimat beschrieben, bald wurde es Mode, daß sich Adel und Bürgertum in idealistisch verklärter Weise zur Natur hinwendete, indem man in fröhlichen Schäferspielen, mit entsprechenden Kostümen und Phantasienamen, das scheinbar ach so naive und so sündenfreie Landleben imitierte.

Schaffen wie ein BrunnenputzerEine Arbeit, die wir einmal angefangen haben, führen wir auch zuende - selbst wenn wir dafür hart, unter schwierigsten Bedingungen arbeiten müssen. Der Beruf des Brunnenputzers im Mittelalter war äußerst mühselig und gefährlich: Als es noch keine zentrale Wasserversorgung und praktisch noch kein Hygienebewußtsein gab, mußten die vielen Brunnen regelmäßig gereinigt, Algen und Unrat aller Art entfernt werden - oft war bereits am nächsten Tag alles wieder durch Abfälle und Fäkalien verdreckt. Diese Zustände waren unter anderem natürlich ein Paradies für Ratten, die die gefährliche, oft tödliche Pest übertrugen. Also seilte man den Putzer in den Brunnen ab und er erledigte seine Arbeit so schnell wie möglich, denn je tiefer und enger es war, desto schneller verbrauchte sich auch die Luft.

Schafskälte...nennt man einen alljährlich um den 11. Juni herum auftretenden Kälteeinbruch um etwa 5-10°C nach den um diese Zeit bereits frisch geschorenen Schafen, denen die kühlen Temperaturen gefährlich werden können. Ursache ist die im Frühsommer vorherrschende Temperaturdifferenz zwischen dem bereits wärmeren Mitteleuropa und dem kühlen Nordskandinavien bzw. Rußland.

Scharfzüngig...sprechen schon an verschiedenen Stellen der Bibel Menschen, »Qui exacuerunt ut gladium linguas suas, intenderunt sagittas suas, venefica verba« - »Welche jre Zungen scherffen wie ein schwert, die mit jren gifftigen worten zielen wie mit Pfeilen« (Psalm 64:4). Andere Beispiele: »Tota die insidias cogitasti; lingua tua sicut novacula acuta, qui facis dolum« - »Deine Zunge trachtet nach schaden vnd schneit mit Lügen wie ein scharff Schermesser« (Psalm 52:4) oder: »Anima mea recumbit in medio catulorum leonumdevorantium filios hominum.Dentes eorum arma et sagittæ, et lingua eorum gladius acutus« - »Jch lige mit meiner Seelen vnter den Lewen; Die Menschen kinder sind flammen; Jre Zeene sind spies vnd pfeile vnd jre Zungen scharffe schwerter« (Psalm 57:5). Bis heute steht das Wort synonym für »auf ironische Weise scharfe Kritik üben«.

ScharlatanDas Wort kommt aus dem Italienischen »ciarlare, ciarlatano« für »schwätzen, Schwätzer«. Es hat dort nicht so eine negative Bedeutung wie bei uns.

Scharwerk...nennen wir gelegentlich Arbeiten, die außerhalb der eigentlichen Berufstätigkeit nach Feierabend »schwarz« ausgeführt werden. Ursprünglich waren dies, abgeleitet vom mhdt. »scharwerc«, Fronarbeiten, die von einer »Schar« Leuten für den Grundherrn in Form von Feldarbeit, als Mithilfe beim Straßen- und Burgenbau oder als Hand- und Spanndienste, oft als Gegenleistung für die Überlassung von Bauernland, erbracht wurden. Die »Oeconomische Encyclopädie« von Johann Georg Krünitz schreibt dazu: »Scharwerk, zwei aus Schar und Werk zusammengesetzte Wörter, welche noch im gemeinen Leben mancher Gegenden üblich sind. I. In einigen Oberdeutschen Gegenden, z. B. in Bayern, ist das Scharwerk ein jeder Frohndienst, eine Frohnarbeit, eine Frohne, und scharwerken, fröhnen. Es ist in dieser Bedeutung sehr alt, nach dieser kommt Schar, im mittlern Lat. Scara, in der Bedeutung der Frohne, und Scararius, von einem Fröhner, Frohnbauern vor, wovon das du Fresne Glossarium nachgesehen werden kann. Frisch und Andere nehmen Schar hier in der Bedeutung eines Hausens von mehreren, und erklären es durch Arbeiten, welche mehrere zugleich verrichten müssen. Allein für das einfache Scara ist diese Figur zu hart und ungewöhnlich, daher hier vielmehr die erste eigentliche Bedeutung einer heftigen Bewegung zum Grunde zu liegen scheint, so daß Schar und Scharwerk eine schwere Handarbeit bedeuten würde. In Bayern ist scharen, noch wirklich arbeiten, obgleich solches auch die Bedeutung des Zwanges leidet, so daß Scharwerk, im mittleren Lateinischen Angaria, ist. Ohne Zischlaut kann auch das mittlere Lateinische Corbata und heutige Französische Courvée dahin gerechnet werden. Zu der Bedeutung der heftigen Bewegung gehört auch das Meklenburgische scharwachen, sich im Bette schlaflos herumwälzen. .. 2) Bei den Mauern, Zimmerleuten und andern Handwerkern und Arbeitern ist Scharwerk theils eine Nebenarbeit, theils aber auch diejenige Arbeit, welche sie nach und außer den gewöhnlichen Arbeiten verrichten, das heißt, in den Freistunden, und scharwerken daher solche Arbeit verrichten. Hier scheint der Begriff der Kleinheit, der Verminderung, der Verkürzung zum Grunde zu liegen, so daß Scharwerk hier eine jede kleine Nebenarbeit bedeutet«.

Schattenmorelle...heißt die weltweit am meisten angebaute Sauerkirschsorte, die sprachlich schon für so manches Mißverständnis gesorgt hat. Es ist nämlich Unsinn zu behaupten, sie gedeihe besonders gut im Schatten. Der Name leitet sich vielmehr von einem französischen Schloß her, dem »Le Château de l'Abbaye, Moreilles«. Auch das spätlateinische »maurella« (von »maurus«, der Mohr), was sich auf die dunkle Farbe der Frucht bezieht, ist denkbar.

Schaumgebremst...beschreiben wir gelegentlich Mitmenschen, die so überhaupt keine Laster haben, immer nur nett und freundlich sind - weil sie einfach nicht aus sich herausgehen können. Der historische Hintergrund: Als Waschmaschinen noch selten waren, schäumten die für die Handwäsche üblichen Waschpulver viel zu stark, der Schaum quoll aus allen Fugen und blieb selbst beim Spülen in der Wäsche. Erst mit dem von der Firma Henkel im Jahre 1957 entwickelten »Dixan«, dem ersten Spezialwaschmittel »mit gebremstem Schaum« für die Trommelwaschmaschine wurde die übermäßige Schaumbildung weitestgehend eliminiert.

SchaumschlägerEin ziemlicher Angeber, der einfach alles besser weiß, alles schon gesehen und längst gehabt hat - aber es steckt in Wahrheit nichts dahinter. Das Wort kommt von den Barbieren: Eine wesentliche Vorbereitung zur Rasur war das Rasierschaumschlagen. Dabei begann der Barbier meist ein belangloses, einschmeichelndes Gespräch mit dem Kunden, teils, um ihm die Angst zu nehmen, teils in der Hoffnung auf ein gutes Trinkgeld.

Scheckig lachen...wir uns, wenn etwas besonders lustig war, jemand einen guten Witz erzählt: Viele Menschen bekommen, wenn sie herzhaft lachen, hektische rote Flecken im Gesicht. Das Wort »scheckig« geht wohl auf das altfranzösische »eschac, eschiec« (Schach) zurück - sie sind also gefleckt, kariert, wie ein Schachfeld.

Scheiß' der Hund daraufDas ist mir so egal, gleichgültig oder gar lästig, daß sogar der Hund sein Geschäft darüber machen kann (oder gar soll), um die Angelegenheit zuzudecken und vergessen zu machen.

Scheißtag...nennen wir heutzutage gemeinhin einen Tag, an dem nicht alles so ganz nach unseren eigenen Vorstellungen verläuft. Das war nicht immer so: In Süddeutschland und Österreich wurden vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert Knechten ein bis drei Tage für die Verrichtung des Stuhlgangs während der Arbeitszeit vom Lohn abgezogen. Diese konnten nach Ablauf des Dienstvertrages oder am Jahresende ab dem 29. Dezember nachgearbeitet werden.

Schema FFestgeschriebene Strukturen verläßt man nicht - lieber werkelt man immer und ewig gleich, nach einem bestimmten Muster, schön bürokratisch vor sich hin: Im 19. Jahrhundert wurde Preußen stark militärisch regiert, für alles gab es eine Militärverordnung. Ab 1861 wurden »Frontrapporte« - mit dem Buchstaben »F« gekennzeichnete Formulare - eingeführt, auf denen Truppenstärke und Ausrüstung einer Einheit nach einem bestimmten Muster - dem »Schema F« - aufgezeichnet wurde. Bei Kontrollen mußte die effektive Zahl der Personen genau mit dem »F-Rapport« übereinstimmen. Dieser wurde zum Standardformular, der Ausdruck gelangte bald auch in die allgemeine Umgangssprache.

Scher' Dich zum Teufel...zur Hölle, zum Kuckuck, sagen wir manchmal leidenschaftlich zu jemandem, auf dessen weitere Anwesenheit oder ein Wiedersehen wir gern verzichten mögen. Das spätmittelhochdeutsche Wort »schern« in der Bedeutung »sich fortmachen, entfernen, eilig davongehen, verschwinden« ist bereits bei dem Tiroler Sänger, Dichter, Komponisten und Politiker Oswald von Wolkenstein (um 1377-1445) belegt.

ScherbengerichtDer Begriff für einen Wahlgang, bei dem über das Schicksal einer Person entschieden wird, ist die Übersetzung des griech. Wahlverfahrens »Ostrakismos« (Ostrakon - Tonscherbe). In Athen vollzog in jedem Januar von 487-417 a.C. die Volksversammlung in der »Ecclesia« eine Abstimmung, ob ein Scherbengericht durchgeführt werden sollte. Bei diesem wurde in Form von auf Tonscherben geschriebenen Namen darüber abgestimmt, wer aus der städtischen Gemeinschaft verbannt werden solle. Der Meistgenannte mußte innerhalb zehn Tagen für zehn Jahre in die Verbannung gehen - unter Androhung der Todesstrafe im Fall der vorzeitigen Rückkehr - und verlor das Recht, an öffentlichen Angelegenheiten mitzuwirken. Sein Eigentum wurde jedoch nicht beschlagnahmt. Mit diesem Verfahren konnte sich die Gemeinde von mißliebigen Personen trennen, denen eigentlich keine konkrete Straftat o.ä. vorgeworfen werden konnte.

Scherereien...bekommen heißt, große Schwierigkeiten oder Belästigungen erwarten zu müssen: Abgeleitet von lat. »tondere«, ahdt. »sceran« und mhdt. »schern« im Sinne von »übervorteilen, prellen, betrügen, auch: ausbeuten, Geld erpressen« bezieht sich das seit dem 16. Jahrhundert gebrauchte Wort ursprünglich wohl auf das Scheren der Schafe oder auf den Barbier, der seine Kunden übervorteilt. Auch war das Scheren des Haares bei alten Barbiertechniken wohl mit einigen Unannehmlichkeiten verbunden. Darüber hinaus ist auch an das Kahlscheren als Ehrenstrafe zu denken: Während die Kopfrasur beim Eintritt ins Kloster ein Akt der Reinigung und Teil des Initiationsritus ist, hat die gewaltsame Rasur etwas Demütigendes. Bis zur französischen Revolution galt kurzgeschorenes Haar als Zeichen der Unfreiheit - langes Haar war hingegen ein Statussymbol.

Scheuklappen tragen...manchmal Leute mit sehr einseitiger Sichtweise, die etwas nicht wahrhaben, von etwas nichts wissen wollen: Eigentlich sollen die ledernen Schilde als Teil des Pferdegeschirrs verhindern, daß das schreckhafte Tier von der Seite oder von hinten abgelenkt wird und möglicherweise ausschert. Durch den eingeengten Blickwinkel behält es die Ruhe und geht fügsam seines Weges. Journalisten schrieben schon 1810 erstmals über »Scheuklappen in der Politik«.

SchibolethIm Buch der Richter 12.5f wird von einem Streit zwischen den Gileaditern und den Ephraimitern berichtet: »Occupaveruntque Galaaditæ vada Iordanis per quæ Ephraim reversurus erat cumque venisset ad ea de Ephraim numero fugiens atque dixisset obsecro ut me transire permittas dicebant ei Galaaditæ numquid Ephrateus es quo dicente non sum. Interrogabant eum dic ergo sebboleth quod interpretatur spica qui respondebat tebboleth eadem littera spicam exprimere non valens statimque adprehensum iugulabant in ipso Iordanis transitu et ceciderunt in illo tempore de Ephraim quadraginta duo milia« - »Vnd die Gileaditer namen ein die furt des Jordans fur Ephraim. Wenn nu sprachen die flüchtigen Ephraim, Las mich hin über gehen, So sprachen die Menner von Gilead zu jm: Bistu ein Ephraiter? Wenn er denn antwortet: Nein, So hiessen sie jn sprechen Schiboleth Heisst ein eher am korn heisst auch wol ein Landstrass. So sprach er Siboleth vnd kunds nicht recht reden. So griffen sie jn vnd schlugen jn an der furt des Jordans. Das zu der zeit von Ephraim fielen zwey vnd vierzig tausent«. So wurde das Wort »Schiboleth« zur Bezeichnung für das Losungswort einer Partei.

Schicht im Schacht...ist, wenn etwas zu Ende, nicht mehr möglich ist, daß nichts mehr geht. Die Wendung kommt ursprünglich aus der Bergmannssprache des Ruhrpotts: Die »Schicht« ist die tägliche Arbeitszeit der Bergarbeiter im »Schacht« unter Tage, »Schicht machen« bedeutet, mit der Arbeit aufzuhören. Die Ambiguität »Schicht im Schacht« soll die Bedeutung der Redewendung zusätzlich verstärken.

SchickDieses Wort hat eine recht interessante Geschichte: Zwar geht es in seiner heutigen Bedeutung »hübsch, modisch« tatsächlich auf das französische »chic« zurück, doch ist dieses wiederum ein Lehnwort - aus der deutschen Sprache! Daß etwas »schicklich« ist oder »sich schickt«, sagte man im Deutschen lange, bevor die Mode »chic« wurde. Das mittelniederdeutsche Hauptwort »Schick« stand für Gestalt, Form und Brauch, das Eigenschaftwort »schicklich« hatte und hat die Bedeutung »angemessen, geziemend«. Irgendwann galt es als unschicklich, »schick« zu sagen, das Wort geriet aus der Mode. Über das Elsaß und die Schweiz gelangte es in den französischen Sprachraum, wo es sich alsbald großer Beliebtheit erfreute. Im 19. Jahrhundert, als die Deutschen sich zunehmend für den Pariser »Chic« interessierten, wurde das Wort reimportiert, um nun wiederum eingedeutscht zu werden...

SchikaneDas Wort kommt aus dem Französischen zu uns. »Chicane« leitet sich ab von »chicaner« - »das Recht verdrehen«. Ursprünglich bedeutete es »einen Rechtsfall einleiten«, aber der Sinn wandelte sich in »jemandem böswillig Schwierigkeiten bereiten«, als es nach Deutschland kam.

Schimpfen wie ein RohrspatzJemand schimpft ohne Unterlaß und kann sich kaum beruhigen: »Rohrspatz« ist der volkstümliche Name der Rohrammer (Emberiza schoeniclus), eines Vogels, der häufig in Rohr- und Schilfgebieten anzutreffen ist. Diese unruhigen Gesellen streiten gern mit Ihresgleichen, wobei ihr stotternder, klappernder Gesang an fortwährendes Schimpfen erinnert, das letztlich die Redensart begründete.

Schindanger...hieß eine Wiese, auf der Tierkadaver und Menschen verscharrt wurden, denen nach damaliger Rechtsauffassung kein christliches Begräbnis zustand - hingerichtete Verbrecher, Prostituierte, Christen, die gegen das Wuchergebot Zinsen genommen hatten, Ungetaufte etc. In Heinrich von Kleists (1777-1811) Erzählung »Michael Kohlhaas« lesen wir dazu: »... Kohlhaas sagte, daß er eher den Abdecker rufen, und die Pferde auf den Schindanger schmeißen lassen, als sie so, wie sie wären, in seinen Stall zu Kohlhaasenbrück führen wolle...«

Schindluder treibenEin »Schindluder« war ein todkrankes Tier, das zum Schinder (Abdecker) kam. »Luder« hieß das Fleisch von so einem Tier, das als Lockfutter für Raubwild benutzt wurde. »Schindluder« war also ein grobes Schimpfwort, wurde aber auch schonmal scherzhaft benutzt. Wenn jemand die u.U. derben Späße seiner Freunde satt hat, ruft er aus »ich laß' doch nicht Schindluder mit mir spielen«. Er läßt sich also nicht behandeln, wie ein dem Tod geweihtes Tier.

Schippe ziehen Den Mund verziehen als Ausdruck des Gekränktseins, die Unterlippe leicht schmollend nach vorne schieben. Kinder haben das perfektioniert...

Schißlaweng...sagt der Berliner zu kleinen, nicht näher definierten Zusätzen oder Ergänzungen, die - eigentlich unnötig - dem Ganzen eine gewisse Leichtigkeit, das »gewisse Etwas« verleihen sollen - ein schwungvoller Federstrich an einer Unterschrift beispielsweise. Das von französischen Hugenotten eingeführte Wort könnte aus »ainsi cela vint« (so ging das vor sich) hervorgegangen sein, eine andere Deutung geht von einer Verballhornung von »c'est le vent« (das ist der Wind) aus.

Schlachtenbummler...nennen wir heute meist Fans von Fußballvereinen, die ihre Mannschaft zu jedem Auswärtsspiel begleiten. Auch wenn das eine oder andere Spiel tatsächlich zu einer »Schlacht« ausarten mag - das Wort kommt aus einer Zeit, da der Fußball noch gar nicht erfunden war:
Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 war Kriegführen noch allein Sache von Soldaten. Die ersten Zivilisten, die aus Neugierde die Front besuchten und die wir heute »Kriegsberichterstatter« nennen würden, bezeichnete man damals als »Schlachtenbummler«. Johann Wolfgang von Goethe, der die Belagerung der Stadt Mainz verfolgte, soll seinerzeit einer der bekanntesten gewesen sein.

Schlafen wie ein Murmeltier...können sprichwörtlich Menschen, die besonders tief und fest schlafen: Murmeltiere (Marmota), quasi der »Prototyp« des Winterschläfers, fressen sie sich während der kurzen Sommermonate exorbitante Fettreserven an und schlafen dann bis zu neun Monate im Jahr durch. Dabei können Darm und Magen um die Hälfte verkleinert werden, die Atmung sinkt auf zwei Züge, der Herzschlag von 200 auf 20 Schläge pro Minute.

Schlafmütze...nennen wir jemanden, der nicht der Schnellste und Aufgeweckteste ist, der nicht aufgepaßt, etwas verschlafen hat: Die heute weitgehend unbekannte Kopfbedeckung für die Nachtruhe verringerte einst die Gefahren des Laus- und Flohbefalls, wärmte zum anderen Kopf und Ohren. Männer trugen Zipfelmützen, Frauen eine Haube.

Schlag ins Kontor...sagen wir zu einer unangenehmen Überraschung, einer schmerzhaften Enttäuschung, einem Schicksalsschlag. Hintergrund ist die Bedeutung des »Kontors« (vom französischen »comptoir« - Zahltisch) - im Mittelalter einer ausländischen Handelsniederlassung, im 19./20. Jahrhundert eher einer Art Geschäftszimmer der Kaufleute - das vielfältigen Einflüssen ausgesetzt ist, um deren Handlungsfähigkeit aufrecht zu erhalten. Alles was den regulären Ablauf im Kontor störte - verdorbene Ware, Raubüberfälle oder der Besuch des Steuereintreibers - wurde als »Schlag ins Kontor« empfunden, weil der ganze Betrieb nicht mehr richtig arbeiten konnte.

Schlag ins WasserEin völlig sinn- und nutzloses Unterfangen, das jeder aus eigener Erfahrung kennt. Schlägt man mit der Hand aufs Wasser, spritzt es hoch, schlägt Wellen, aber binnen kürzester Zeit ist alles glatt wie zuvor. Nichts ist verändert, wir haben gar nichts erreicht.

Schlag unter die GürtellinieWir empfinden uns in einer Auseinandersetzung als unfair behandelt, weil unser Gegenüber die Regeln des Anstands verletzt hat. Der Begriff stammt aus dem Boxsport: Nach den Regheln zählen nur die Treffer, die oberhalb der Gürtellinie gelandet werden - alles, was unterhalb dieser trifft, wird mit Verwarnung, Punktabzug, bis hin zur Disqualifikation geahndet.

Schlagseite habenWir wanken hin und her, die Sicht auf die Welt scheint in alle Richtungen verschoben, der Alkohol verschafft uns eine ziemliche »Schlagseite«. Das Wort kam im 17. Jahrhundert aus der Seemannssprache: Liegt ein Schiff durch verrutschte Ladung, durch den Druck des Windes auf die Segel oder durch ein Leck und das daraufhin eingedrungene Wasser schief im Wasser, spricht der Seemann von einer »Krängung« oder auch »Schlagseite«.

Schlangen am Busen nährenJemandem Gutes tun, den man für seinen Freund hält, der sich aber später als undankbar und verräterisch erweist: Das Wort war bereits im Altertum bekannt und bezieht sich auf Äsops Fabel »Der Bauer und die Schlange«, wo es im Text heißt: »Er nahm die Schlange und legte sie unter den Bausch seines Gewandes«.

Schlau wie ein FuchsDie Wachsamkeit des Fuchses (Vulpes vulpes), sein ausgeprägter Geruchssinn, hervorragendes Gehör und scharfe Augen ermöglichen es ihm, auch in der Nähe menschlicher Siedlungen zu leben, ohne groß aufzufallen. Das hat dem nachtaktiven »Hühnerdieb«, jahrhundertelang unterstützt durch zahlreiche Sagen, Märchen und Geschichten, den Ruf eingetragen, äußerst schlau und listig zu sein.

Schlawiner...gelten gemeinhin als besonders gerissene pfiffige Geschäftemacher: Das Wort wurde wohl Ende des 19. Jahrhunderts aus »Slowena«, dem slowenischen Hausierer oder »Slawonier« (eine fahrende Volksgruppe in Kroatien) gebildet. Der »Schlawiner« entstand wohl ursprünglich in Österreich und gelangte von dort in die deutsche Sprache.

Schlecht und recht durchs Leben gehenWar ursprünglich ein Lob, denn »schlecht« bedeutete »gerade, rechtschaffen«. Nach dem das Wort »schlecht« seinen heutigen, negativen Sinn erhalten hatte, kam als Ersatz für die alte Bedeutung das ähnlich klingende »schlicht« in Gebrauch.

Schlechte Beispiele verderben gute SittenWarnend bedient sich hier der Apostel Paulus bei den alten Griechen, die dieses Sprichwort auch schon nutzten: »Nolite seduci corrumpunt mores bonos conloquia mala«. - »Lasset euch nicht verfueren, Boese Geschwetze verderben gute sitten« (1 Korinther 15.33) oder »Fascinatio enim nugacitatis obscurat bona et inconstantia concupiscentiæ transvertit sensum sine malitia«. - »Denn die bösen Exempel verfüren vnd verterben eim das Gut vnd die reitzende Lust verkeret vnschüldige Hertzen« (Weisheit 4.12)

Schlendrian...nennen wir umgangssprachlich eine langsame, träge und nachlässige Arbeitsweise, die oft durch mangelnde Motivation oder zuviel Routine entsteht. Abgeleitet wird das Wort vom Niederländischen »schlendern« (gleiten) und dem Mittelhochdeutschen »sludern« (schlenkern, Material vergeuden, schludern). Vervollständigt mit dem frühneuhochdeutschen »jan« (Arbeitsgang) wurde daraus im Deutschen ursprünglich ein gemächlicher, zielloser Spaziergang. In Picanders (1700-64) und Johann Sebastian Bachs (1685-1750) »Kaffeekantate« will ein »Herr Schlendrian« seiner Tochter Liesgen mit wütenden Drohungen das Kaffeetrinken verbieten - jene lenkt ein, als ihr der Vater eine Heirat verspricht, läßt heimlich jedoch verbreiten, daß sie nur einen Mann akzeptiere, der nichts gegen Kaffee habe. Bei Liesgen will sich also erneut der »alte Schlendrian« einschleichen.

SchlittenfahrenJemand hat uns mächtig geärgert, also werden wir ihn adäquat zurechtweisen, mit ihm ordentlich »Schlittenfahren«. Die Redensart kommt natürlich vom Rodeln: Auf einem Schlitten sitzt der Lenker hinten - der Mitfahrer vorn hat kaum Möglichkeiten, ins Geschehen einzugreifen und muß es recht passiv über sich ergehen lassen.

SchlitzohrGesellen bestimmter Zünfte trugen als Zeichen ihrer Zunftangehörigkeit Ohrringe. Verstießen sie gegen Regeln ihrer Zünfte, benahmen sie sich also »unzünftig«, wurde ihnen dieser Ohrring auf recht schmerzhafte Art entfernt - man riß ihn einfach aus dem Ohr. Ergebnis war ein »Schlitzohr«. Die Ohrringe waren übrigens aus Gold, damit aus dem Erlös ein ordentliches Begräbnis für ihren Besitzer bezahlt werden konnte. Eine andere Erklärung sagt, daß Bäcker, die zu kleine Brötchen gebacken hatten, mit dem Ohr an die Kirchentür genagelt wurden. Um sich zu befreien, mußten sie sich losreißen. Das Ergebnis? Siehe oben...

Schlüpferstürmer...nennt der Volksmund von altersher süße Alkoholika, die bei unseren »besseren Hälften« zuweilen höchsten Gefallen finden und eine dementsprechende enthemmende Wirkung entfalten sollen. Ein Wettbewerbsverein fand einen solchen Likör einst »geschmacklos«, kam auf die glorreiche Idee, Flachmänner mit dieser Bezeichnung als »diskriminierend« und »sittenwidrig« verbieten zu lassen und traf damit bis hin zum BGH auf fruchtbaren Boden (Urteil vom 18.05.1995, Az.: I ZR 91/93)

Schmalhans Küchenmeister...herrscht, wo es nicht viel zu essen gibt, wo gehungert wird, weil man wegen armer oder geiziger Dienstherren in der Küche sparen muß. Die Redewendung aus dem 17. Jahrhundert geht auf die Personifizierung des »schmalen« Hans - einst ein weitverbreiteter Name - zurück: Da die Figur des Kochs durchaus Rückschlüsse auf die Qualität und Quantität der Küche zuläßt, kann es mit dem Essen nicht weit her sein, wenn ein dünner (schmaler) Koch am Herd steht.

SchmarotzerDas deutsche Wort für einen Parasiten stammt vom mittelhochdeutschen »smorotzen« ab, was damals einfach nur »betteln« bedeutete. Später änderte sich die Bedeutung mehrfach gravierend: Im 18. Jahrhundert in die Wissenschaftssprache gelangt, waren Schmarotzer nunmehr Bakterien, Pflanzen- oder Tierarten, die sich von anderen Lebewesen ernährten, nach den »Volksschädlingen« des Dritten Reichs waren es seit Ende der 1970er Jahre zunächst die »Scheinasylanten«, die den Sozialstaat »ausbeuteten«, heute ist der Begriff insbesondere im Zusammenhang mit Arbeitslosen in gewissen Kreisen längst wieder salonfähig.

Schmetterlinge im Bauch...haben viele Menschen, wenn sie glücklich oder aufgeregt sind, sich leicht fühlen, vor allem in der ersten Zeit des Verliebtseins. Man ist nervös und hat ein flaues, kribbelndes Gefühl in der Magengegend, das vom »Darmhirn«, dem Enterischen Nervensystem, einem komplexen Geflecht von Nervenzellen, das nahezu den gesamten Magen-Darm-Trakt durchzieht, ausgelöst wird.
Den Begriff »butterflies in the stomach« erfand 1908 die Autorin Florence Converse (1871-1967) in ihrem Buch »House of Prayer«. Der Schmetterlingsvergleich bot sich an - im Englischen steht das Wort »flutter« sowohl für »flattern« als auch für »Aufregung, Unruhe«. Der Musikant Herbert Grönemeyer steigerte die Wendung 1984 zu seinem Lied »Flugzeuge im Bauch«.

Schmiere stehenDamit ein Diebstahl »wie geschmiert« läuft, stellt man jemanden hin, der Wache hält. Das Wort leitet sich aus dem hebräischen »sim'rah« (Wache) ab. Über neuhebräisch »semiro« (Bewachung) wandelte der Ausdruck sich übers Rotwelsche »Schmehre« bis zur »Schmiere«.

Schmierfink...nennt man umgangssprachlich jemanden, der sehr unsauber schreibt, aber auch einen, der Parolen oder Graffiti an öffentliche Wände sprüht. Etwa seit dem 16. Jahrhundert beschimpfte man einen Landstreicher als »Fink«, weil der gleichnamige Vogel auch schon mal in Pferdeäpfeln herumstochert - ein Bild, das man auf Menschen übertrug, die im Schmutz lebten.

SchmiergeldAuch wenn uns die dauernde Propaganda etwas anderes vorgaukelt - Korruption, Bestechung und »Schmiergeld« sind auch und gerade in Deutschland völlig normal. Um einen Auftrag zu erhalten, steckt man dem Verantwortlichen fast schon selbstverständlich Geld oder Sachwerte zu, damit die Geschäfte besser laufen. Das Wort kommt ursprünglich aus einem ganz anderen Zusammenhang und geht auf das 18./19. Jahrhundert zurück, als man noch mit der Postkutsche von Stadt zu Stadt reiste: Die Fahrten waren damals beschwerlich und teuer. Im Preis enthalten waren allerlei Gebühren für Straßenbenutzung, Wagenmeister und - Schmiergeld! Hier ging es um das Schmieren der hölzernen Achsen, damit die Räder der Kutschen nicht allzu laut quietschten und die Fahrt angenehmer wurde. Einst hing unter jedem Fuhrwerk ein Pecheimer und zu jedem Fuhrlohn mußte auch ein »Schmiergeld« gezahlt werden - eine feste Gebühr, durch die wohl nicht nur die Räder besser liefen...

Schmonzette...nennt der Volksmund ein wenig geistreiches, schnulzig-rührseliges, weitgehend wertloses Stück Film oder Buch. Mehr und mehr Fernsehsender füllen die Zeit zwischen der Werbung mit solch billig produzierten süßlich-kitschigen, vollkommen unrealistischen Machwerken, die quasi ausschließlich alberne Klischees um die »große Liebe« und tückische »Verwandte« bedienen - jeglichen Tiefgang allerdings zumeist völlig vermissen lassen.
Das Wort geht über »Schmonzes«, was »leeres Gerede« bedeutet, wahrscheinlich auf das jiddische »shmontse« - eine alberne Geschichte - zurück. Damit verwandt sind auch die Worte »Schmu«, »Schmus« und »schmunzeln«.

SchmuDer Ausdruck für etwas, das »nicht ganz korrekt« ist, entstammt der Gaunersprache Rotwelsch und ist seit dem 18. Jahrhundert belegt. Wie das Wort genau entstanden ist, ist unklar, es liegt aber vermutlich eine Verwandtschaft mit »Schmus« für »Schöntuerei, leeres Gerede« vor.

Schmus reden...bedeutet im Hebräischen eigentlich ein bewußt liebenswürdiges, schmeichlerisches Gerede, um etwas zu erreichen. Heute macht das eher einer, der unsachlich oder dumm daherredet.

Schnapphahn...nannte man einen berittenen Wegelagerer, einen Raubritter oder einen Söldner, der die Seiten wechselte, um Beute zu machen. »Snaphaan« bedeutete im Holländischen, »Snapphane« im Schwedischen eine Flinte, wohl wegen des Schnappgeräusches des Flintenhahnes direkt vor dem Schuß. Johann Christoph Adelung meint in seinem »Wörterbuch der hochdeutschen Mundart« von 1801, daß der französische Begriff »Chenapan« (Strolch, Bandit, Spitzbube) aus dem deutschen »Schnapphahn« entstanden sei. Im Englischen gibt es noch den »Snaphance«, in Niedersachsen war es der Spitzname für einen Gerichtsdiener, auch eine Silbermünze aus dem 15. Jahrhundert mit einem Reiter (Raubritter) auf der Revers-Seite wäre eine Deutung.

SchnapsdrosselSpricht jemand dem Alkohol über die Maßen zu, nennt man ihn einen »Schluckspecht«, läßt er es nicht bei Wein oder Bier bewenden, wird er volkstümlich als »Schnapsdrossel« bezeichnet. Manche meinen, dieses Wort käme von der provenzalischen Mittelmeerküste, wo die aus nördlichem Ländern kommenden Drosseln über die süßen Früchte des Südens (Trauben, Feigen etc.) herfallen und sich so mit Weinbeeren vollstopfen, daß man den unsicheren Flug und die taumelnde Bewegung der Trunkenheit zuschreibt. Andere sagen, der Ausdruck habe mit dem Vogel überhaupt nichts zu tun, sondern käme vielmehr aus der Jägersprache, wo die »Drossel« die Kehle des Wilds bezeichnet (vgl. auch »erdrosseln«).

SchnapszahlDie Wahrnehmung des Menschen verändert sich bekanntermaßen, wenn er (zu)viel Schnaps getrunken hat, erheblich. Alkohol beeinflußt die grauen Zellen im Hirn und damit Wahrnehmung, Gleichgewicht, Sprache und vieles mehr. In diesem Zustand hat mancher nicht nur recht unsinnige »Schnapsideen«, sondern er sieht auch nicht mehr klar, sieht eben doppelt. Da wird dann eben aus einer Zahl ein Doppel oder mehr...

Schneckenpost...nannte man früher Briefe, auf die man erheblich länger als eigentlich üblich warten mußte.
Zu Zeiten der guten alten Postkutsche konnte ein Radbruch oder ein plötzlicher Wetterumschwung die pünktliche Zustellung erheblich verzögern - so steht das gemächlich kriechende Weichtier bis heute bildlich für einen besonders langsamen Transport oder eine zu späte Lieferung. Auch das berühmte »Posthorn« läßt sich mit einiger Phantasie als »Schnecke« auslegen, es gibt sogar eine richtige »Posthornschnecke« (Planorbarius corneus) und auch in einem alten Kinderlied heißt es:

 »Ri-ra-rutsch
  Wir fahren mit der Kutsch
  Wir fahren mit der Schneckenpost
  wo es keinen Pfennig kost'
  Ri-ra-rutsch
  Wir fahren mit der Kutsch«.

Schnee von gestern...nennen wir etwas, das hinter uns liegt, das nicht mehr zu ändern ist und daher niemanden mehr interessiert oder an das wir nicht mehr erinnert werden wollen. Der längst getaute Schnee wird im Volksmund mit der Vergangenheit noch zusätzlich verstärkt: Wenn es im Flachland denn einmal schneit, ist der Schnee am nächsten Tag wieder verschwunden. Schon François Villon (1431-63?), einer der bedeutendsten französischen Renaissancedichter, spielte mit diesem Bild auf weibliche Berühmtheiten aus Mythologie und Geschichte und die Vergänglichkeit menschlicher Schönheit an und fragte in seiner »Ballade des dames du temps jadis« (Ballade von den Frauen vergangener Zeiten): »Mais ou sont les neiges d'antan« - »Aber wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr«?

Schneesieber...wird obersächsisch und schlesisch ein sehr langsamer und ungeschickter Mensch bezeichnet. In der Begrüßung »Na, alter Schneesieber!« spiegelt sich die alte Vorstellung, die in den Kreis der Sagen von der Altweibermühle gehört: Man glaubte, daß Unverheiratete im Himmel Schnee sieben müßten, wenn sie gestorben waren. Deshalb gilt dieser Gruß vor allem ledigen Burschen.

Schnickschnack...sagen wir zu nutzlosem Beiwerk, überflüssigem Handeln, Unsinn. Die Alternative zu Kokolores und Mumpitz entstand aus einer Reduplikation der niederdeutschen Wörter »schnicken« für »etwas Kleines wegschnippen« und »schnacken« für »reden, sprechen«. Redet jemand Schnickschnack, redet er etwas daher, das so wenig wert ist, daß man es wegschnicken möchte. Der Volksmund übernahm das Wort, eine weitere Steigerung stellt das bekannte und beliebte Knobelspiel »Schnick-Schnack-Schnuck« dar.

SchnitzerSteht wohl für eine »mit einem scharfen Gegenstand beigebrachte Verletzung oder Zerstörung«, bedeutet also einen fehlerhaften Schnitt beim Holzschnitzen tun und dadurch das Werk verderben.

Schnöder Mammon...stammt aus der Bergpredigt (Matthäus 6:24) und dem Lukasevangelium 16:13, wo er scheinbar personifiziert und Gott in dieser Form gegenübergestellt wird: »Nemo potest duobus dominis servire aut enim unum odio habebit et alterum diliget aut unum sustinebit et alterum contemnet non potestis Deo servire et mamonæ«. - »Njemand kan zweien Herrn dienen. Entweder er wird einen hassen, vnd den andern lieben. Oder wird einem anhangen, vnd den andern verachten. Jr kuend nicht Gott dienen, vnd dem Mammon«.
Im »Faustbuch« des Schwaben Georg Rudolf Widmann (1560-1600) von 1599 ist »Mammon« ein Höllenfürst, der Geldverleiher und Wucherer regiert.
Heutzutage benutzen wir dieses Wort, das ursprünglich vom aramäischen »mamona« (Vermögen, Besitz) abstammt, um verächtlich über »Geld« oder »das Streben nach Geld« zu sprechen. Das Adjektiv »schnöde« (verachtenswert) unterstreicht dabei noch die negative Konnotation.

Schnurstracks...wandelte sich einst von der ursprünglichen Bedeutung »schnurgerade, auf direktem Wege« zum heutigen »sofort, gleich«.

Schnurzpiepegal...ist dem Berliner etwas, das ihn absolut nicht interessiert. Es ist ihm nicht nur einfach »egal« - durch die Verdreifachung - »schnurz« könnte auf schnäuzen/schnauben zurückgehen, vielleicht auch auf die »Schnurre«, eine Posse, ein komischer Einfall, die »Piepe« weist darauf hin, daß man auf etwas »pfeift« - steigert er seine Aussage, wie völlig gleichgültig ihm das Thema ist.

Schöntrinken...müssen wir uns gelegentlich einen »One-Night-Stand«, der eigentlich nicht so ganz in unser Beuteschema passen will, oder einen Auftrag, der uns so gar nicht gefällt. Wissenschaftler haben festgestellt, daß schon ein Bier oder ein Viertel Wein potentielle Partner wesentlich attraktiver erscheinen läßt. Also: »Je später der Abend, desto schöner die Gäste«.

Schorle...nennen wir das Gemisch aus Wasser und Wein wohl nach dem Trinkspruch eines französischen Offiziers, der im 19 Jahrhundert in Deutschland stationiert vor jedem Gläschen dieses Mixgetränks »Toujours l'amour« - »Jeden Tag Liebe« zu sagen pflegte. Über »Schorlemorle« soll daraus bald die Kurzform »Schorle« entstanden sein.

Schornsteinfeger bringen Glück...also greift der eine oder andere beherzt zu, wenn er so einem mystischen »Schwarzen Mann« begegnet. Oft liegen Glück und Unglück recht nah beieinander: Durch seine schwarze Tracht und die rußige Haut galt der Kaminkehrer einst als Kinderschreck und Unglücksbote - zugleich sorgt er bis heute dafür, daß den Hausbewohnern keine folgenschweren Rußbrände oder Gasvergiftungen drohen und - wo der Schornstein raucht, geht es den Leuten gut. Früher glaubte man auch, daß sich im Rauch des Herdes allerlei Dämonen verbargen, die der dem Teufel nicht unähnliche schwarze Geselle bannen könne.

Schoten erzählenEine »Schote« muß nicht zwangsläufig Teil einer Erbse, Vanille- oder Chilipflanze sein und Samen beinhalten. Besonders im norddeutschen wird der Begriff - gelegentlich verstärkt als »Knallschote« - auch für eine interessante aber erfundene Geschichte, einen Witz oder eine Anekdote, allemal etwas mehr oder weniger Lustiges, gebraucht. Das ursprünglich hebräische »schote« (verrückt, Narr) ist im Mittelalter durch reisende Kaufleute, die des Jiddischen und Rotwelschen mächtig waren, verbreitet worden. Das »Deutsche Wörterbuch« der Gebrüder Grimm erklärt: »SCHOTE, m. narr (gaunersprache), einfaltspinsel (...) besonders der händler, der sich an seinem ladentische bestehlen läszt; (...) schote erscheint dann aber auch im sinne von spaszvogel, possenmacher, geringer, niedrig denkender mensch (...)« Andere leiten die »Schote« vom französischen »sottise« (Blödsinn, Dummheit, Unvernunft, aber auch Grobheit) ab.

SchreckschraubeEine Erläuterung könnte sein, daß die »Schraube« ursprünglich von lat. »scrofa« (Mutterschwein, Sau) abstammte, woraus auch die »Schraubenmutter« abgeleitet wurde. Der »Schreck« ist eine Tierbezeichnung (»Heuschrecke«) und die ursprüngliche Bedeutung von »schrecken, erschrecken« - jemanden »aufspringen lassen«. Eine »Schreckschraube« wäre demzufolge eine »springende Frau«, eine, die dauernd »auf dem Sprung« ist, sich ständig in einer möglichen Gefahr wähnt.

Schrumpfgermane...nennt der Volksmund bisweilen abschätzig einen »vertikal herausgeforderten« (kleinwüchsigen) Deutschen. Der Ausdruck ist weitgehend aus der Mode gekommen, seit seinerzeit insbesondere Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels (1897-1945) aufgrund seines Klumpfußes und seiner Körpergröße oft als »Schrumpfgermane« verspottet wurde.

Schuß in den Ofen...sagen wir zu einem grandiosen Fehlschlag, einem Mißerfolg. Man hat viel Staub aufgewirbelt, geglaubt, eine Sache würde gut gelingen - allein die Mühe war vergebens, das erwartete Ergebnis ist ausgeblieben. Die Redensart kommt aus dem industriellen Druckgußverfahren, bei dem in einem Ofen geschmolzenes Metall unter starkem Druck in eine Form gepreßt wird. Dieses Verfahren wie auch den fertigen Abguß nennt man einen »Schuß«, der - wenn ein Abguß mißlingt - einfach wieder im Ofen eingeschmolzen wird.

Schuß ins Schwarze...gelingt uns, wenn wir einen besonderen Erfolg oder ein Ziel erreichen. Die Wendung kommt aus dem Schützensport: Während die Ringe einer Zielscheibe in der Regel hell gezeichnet werden, ist das Zentrum mit der höchsten Punktzahl üblicherweise schwarz. Wer ganz genau schießt, trifft somit »ins Schwarze«.

Schuß vor den BugDie letzte Warnung stammt aus der Seemannssprache: Wollte man ein gegnerisches Schiff aufhalten und zum Beidrehen zwingen, bekam es zunächst einen Schuß vor den Bug, das Vorderteil, gesetzt. Reagierte das Schiff darauf nicht, wurde es aus allen Rohren beschossen.

Schuster, bleib bei Deinem Leisten...halten wir gelegentlich jemandem vor Augen, der ohne ausreichende Sach- und Fachkenntnisse das eigene Metier verlassen und sich auf fremden Geschäftsfeldern tummeln will. Die Mahnung geht zurück auf eine Anekdote, die im alten Griechenland erzählt wurde: Danach pflegte der Maler Apelles, einer der größten Meister seiner Zeit, der als Einziger das Recht hatte, Alexander den Großen (356-323 a.C.) zu portraitieren, sich hinter seinen Bildern zu verbergen, um die Meinungen des Publikums zu hören. Als ein Schuhmacher dereinst lauthals monierte, daß einem Schuh auf dem Bild eine Öse fehle, fügte Apelles diese nachträglich hinzu. Als jener aber auch noch Kritik an den Schenkeln übte, entfuhr es Meister Apelles: »Ne sutor supra crepidam« (Der Schuster urteile nicht über dem Leisten). Die abgewandelte Form rügt bis heute jemanden, der bar jeden Sachverstandes kritisiert und sich unberufen in alles einmischt.

SchusterkugelEinst, als es noch keinen elektrischen Strom gab, beleuchteten sich die Schuhmacher abends ihren Arbeitsplatz, indem sie sich eine wassergefüllte Glaskugel vor eine Kerze stellten. Durch die Linsenwirkung wurde das Kerzenlicht wesentlich heller.

SchwabenalterScherzhaft für das 40. Lebensjahr. Schwaben sollen der Sage nach erst ab diesem Alter Verstand erhalten.

Schwadronieren...meint heute meist »unnütz daherreden, eifrig diskutieren«. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war es der lautstarke, großsprecherische Redestil der Offiziere, wenn sie nicht im Dienst waren. Etymologisch womöglich von »schwadern« (viel schwatzen) abgeleitet, kommt der Begriff wohl aus der Fechtschule, wo »wildes Fuchteln mit dem Säbel oder Degen, um die Feinde abzuhalten« schon in Jacobssons »Technologischem Wörterbuch« von 1794 so bezeichnet wird. Andere meinen, das Wort ginge auf die »Schwadron« zurück, eine kleine, rechtwinklig ausgerichtete Reitertruppe, wobei »schwadronieren« bedeutete, als Schar umherzuziehen. In der Studentensprache des 18. Jahrhunderts wurde dies von »planlos fechten« umgedeutet zu »prahlen, aufschneiden«.

Schwanengesang...bezeichnet einen Abgesang, das Betrauern einer Sache, die dem Untergang geweiht ist. Das letzte Werk eines Dichters oder Musikers wird ebenfalls als Schwanengesang bezeichnet. Entlehnt ist diese Vorstellung der griechischen Mythologie, nach der die Schwäne singen, wenn sie sterben.

Schwarte...nennt man verächtlich ein altes Buch. Wahrscheinlich ist die Herkunft vom mittellateinischen »chartaceum« (Werk aus Papier).

Schwarz auf weiß...geben wir etwas, von dem wir zusätzlich bekräftigen, daß es der Wahrheit entspricht, jeder es glauben kann. Was mit schwarzer Tinte auf weißes Papier geschrieben steht, ist dauerhafter als das flüchtige Wort, das vergessen oder gefälscht werden kann. Schon eine Erkenntnis des Schülers aus Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) »Faust I«. Mephistopheles gegenüber lautet

 »Das sollt Ihr mir nicht zweimal sagen!
  Ich denke mir, wie viel es nützt
  Denn, was man schwarz auf weiß besitzt,
  Kann man getrost nach Hause tragen«.
  (Vers 1966, Studierzimmer)

Schwarz/weiß sehenFür manchen Zeitgenossen gibt es nur schwarz oder weiß - gut oder schlecht. Ohne die »Visuelle Wahrnehmung ohne Einsatz der Graustufenrezeption« entgeht uns allerdings so Manches. Oft ist die Welt nicht gar so einfach, es gibt viele verschiedene Farben und Nuancen in allen möglichen Lebenbereichen.

Schwarze Katze von links...ist einer unserer bekanntesten Unglücksbringer. Die Katze steht seit vorchristlicher Zeit im Verdacht, Verbindungen zu jenseitigen Welten zu pflegen, seit dem Mittelalter gilt sie auch als häufigste Erscheinungsform von Hexen. Hinzukommt, daß schwarz als Farbe der Unterwelt gilt. Daher sollte man dem Tier möglichst ausweichen und zur Sicherheit dreimal ausspucken.

Schwarzes KabinettDas »Cabinet noir« war zunächst ein Geheimbüro im Frankreich Ludwigs XIV., in dem Briefe politisch Verdächtiger vor ihrem Weitertransport durchgelesen und oft auch abgeschrieben wurden. Besondere Bedeutung hatte es für die Dechiffrierung von Geheimcodes.

Schwarzes Schaf...nennt man umgangssprachlich ein Gruppenmitglied, daß sich negativ von allen übrigen abhebt, einen Außenseiter, der unangenehm auffällt und dem man gewöhnlich die Schuld an Mißständen zuschiebt. Schafherden werden wegen ihrer weißen Wolle gehalten, weil die sich einfacher färben läßt. Die Wolle eines schwarzen Schafes ist hingegen praktisch wertlos, weshalb solche Tiere meist aussortiert werden. In Genesis 30, 32 sagt Jakob zu seinem Onkel Laban, bei dem er diente: »Gyra omnes greges tuos et separa cunctas oves varias et sparso vellere et quodcumque furvum et maculosum variumque fuerit tam in ovibus quam in capris erit merces mea« - »Ich wil heute durch alle deine Herde gehen vnd aussondern alle fleckete vnd bundte schafe vnd alle schwartze schafe vnter den lemmern vnd die bundten vnd flecketen ziegen Was nu bund vnd flecket fallen wird, das sol mein Lohn sein«.

Schwarzfahrer...kommen - wie so oft - aus dem Jiddischen. »Shvarts« bedeutet dort arm. Schwarzfahrer sind also »Armfahrer«, die sich eine Fahrkarte nicht leisten können. Eine andere Deutung: Etwas Unerlaubtes wird gern in der Dunkelheit der Nacht getan. Schwarz steht somit auch für etwas Heimliches oder Verbotenes.

Schwarzmaler...sind Leute, die etwas sehr pessimistisch darstellen, oft das Schlimmste befürchten, immer und überall die negativen Folgen betonen. Schwarz verheißt selten Gutes, davon war man früher fest überzeugt. Das liegt daran, daß die Dunkelheit für die Menschen früher sehr bedrohlich war. Nacht und Ohnmacht, Leere, Pessimismus und Unglück, Unheil, Tod und Teufel werden in der westlichen Welt auf unzähligen Bildern schwarz dargestellt. Engel hingegen stellen selbst wir Deutschen als Meister des Fatalismus, der Schwarzmalerei und Unheilsprophetie uns immer hell vor, die Unschuld strahlend weiß, im Gegensatz zu den dunklen Mächten der Finsternis.

Schweigen im Walde...herrscht umgangssprachlich, wenn Fragen, an vermeintlich Wissende gerichtet, unbeantwortet bleiben, in einer ratlosen oder peinlichen Situation, aus der wir nicht mit einer einfachen Erklärung herausfinden. Diese Redewendung wird gelegentlich auf den mehrfach verfilmten gleichnamigen Heimatroman von Ludwig Ganghofer (1855-1920) zurückgeführt, andere nennen das ebenfalls gleichnamige Gemälde von Arnold Böcklin (1827-1901) als Ursprung, wahrscheinlicher ist indes die Herkunft aus dem berühmten Gedicht »Wanderers Nachtlied - Ein Gleiches«, das Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) in der Nacht vom 6. zum 7. September 1780 auf die Bretterwand einer auf dem »Kickelhahn« (mit 861 m einer der höchsten Berge des Thüringer Waldes südwestlich von Ilmenau) stehenden Jagdhütte geschrieben haben soll:

 »Über allen Gipfeln
  Ist Ruh
  In allen Wipfeln
  Spürest Du
  Kaum einen Hauch;
  Die Vögelein schweigen im Walde
  Warte nur, balde
  Ruhest Du auch«.

Schwein gehabt...heißt es, wenn jemand Glück hatte. Schon seit Urzeiten war das Schwein eines der wichtigsten Nutz- und Opfertiere, alles vom Schwein galt als heilend, Schweinegalle beispielsweise sollte gegen Verstopfung, Epilepsie und Frostbeulen helfen. Aus dieser wichtigen Rolle für unsere Ernährung und der Verbindung zur Dämonenwelt läßt sich die Herkunft des »Glücksschweins« herleiten.
Andere meinen, dieses unverschämte Glück ginge auf das Kartenspiel des 16. Jahrhunderts zurück: Auf der höchsten Karte, dem »Schellendaus«, war meist ein Schwein abgebildet, das »As« oder »Sau« hieß.
Nach wieder anderen Quellen gab es früher bei Wettspielen, Schützenfesten u.ä. als Trostpreis für den letzten Sieger ein Schwein, daher die etwa seit 1800 belegte Redensart. Schon bei den alten Römern, Griechen und Germanen galt, wer besonders viele Schweine hatte, hatte viel Nahrung und somit viel Glück.

Schweinekalt...war es ursprünglich, als es noch keine Gefrierschränke oder Kühlhäuser gab: Schweinefleisch ist leicht verderblich, also wurden Schweine nur im Winter geschlachtet, wenn das Fleisch durch die »natürliche« Kühlung länger haltbar war.

Schweinepriester...nannte man einst Menschen, die man ablehnte und verachtete, weil sie einen hereingelegt hatten. Im »Deutschen Wörterbuch« der Gebrüder Grimm heißt es, das Wort stehe für einen »unredlichen und unflätigen Menschen«. Ursprünglich wurden die Hirten, die in den Klöstern die Schweine hüteten, »Schweinepriester« genannt - der Volksmund machte aus dieser Berufsbezeichnung das heutige Schimpfwort.

Schweinigel...nennen wir heute umgangssprachlich salopp einen schmutzigen oder einen unflätigen, vulgären Menschen, der auch schonmal »unanständige« Witze erzählt. Die »Oeconomische Encyclopädie« von Johann Georg Krünitz verzeichnet dazu: »Schweinigel, eine Art gewöhnlicher Igel, welche eine dem Schwein=Rüssel ähnliche Schnauze hat, Echinus oder Erinacaeus porcinus s. suillus, ... Auch wird das Stachelschwein, Hystrix Linn., von Einigen Schweinigel genannt. Figürlich, in der niedrigen Sprechart, auch ein im höchstem Grade unreinlicher Mensch«.

Schwerenöter...nennen wir heute einen leichtsinnigen, gerissenen Kerl, der allerhand auf dem Gewissen hat und es mit der Moral nicht allzu genau nimmt - sich aber andererseits wegen seiner besonderen Fähigkeiten und ungewöhnlichen Eigenschaften (wider-)willige Anerkennung und Bewunderung in der Damenwelt verdient. Ursprünglich war die »schwere Not« durchaus wörtlich zu nehmen - etwa als Bezeichnung der Fallsucht (Epilepsie), die man nach der Volksmeinung jemandem »anwünschen« konnte. So waren »Schwerenöter« einst Menschen, die häufig fluchten und andere verwünschten. Im Laufe der Zeit verlor aber auch dieses Schimpfwort allmählich seine Kraft.

Schwerter zu Pflugscharen...ist ein Bibelzitat, das seit 1980 vor allem mit Initiativen der Friedensbewegung in der DDR verbunden wird. Ursprünglich heißt es beim Propheten Micha (4.3) aus Moreschet: »Et iudicabit inter populos multos et corripiet gentes fortes usque in longinquum et concident gladios suos in vomeres et hastas suas in ligones non sumet gens adversus gentem gladium et non discent ultra belligerare« - »Er wird vnter grossen Völckern richten vnd viel Heiden straffen in fernen Landen. Sie werden jre Schwerter zu Pflugscharen vnd jre Spiesse zu Sicheln machen. Es wird kein Volck wider das ander ein Schwert auffheben vnd werden nicht mehr kriegen lernen«.

Schwippschwager...sind z.B. der Bruder der Ehefrau und der Bruder des Ehemannes - der jeweiligen Schwäger der Ehepartner - zueinander. »Schwipp« (von »schwippen« - hin- und herschwanken) meint »entfernt verschwägert« und geht höchstwahrscheinlich auf eine Verkürzung von »Geschwisterschwager« zurück - sie sind natürlich nicht wirklich Schwäger, sondern werden sprachlich oder gefühlsmäßig in diesen Rang der ohnehin komplizierten Verwandtschaftsbeziehungen erhoben, »schwappen« also durch die Heirat quasi mit in die Familie der Eheleute.

Schwitzen wie ein Schwein...ist eigentlich unmöglich - ganz einfach, weil Schweine überhaupt nicht schwitzen können. Die müssen ihre Körpertemperatur regeln, indem sie schattige Plätzchen oder feuchte Kuhlen aufsuchen. Die Redensart geht vielmehr auf die in germanischen Sprachen gleichen Wörter für »schwitzen« und »bluten« zurück, wie zum Beispiel »sveiti« im Altnordischen. In der Jägersprache ist bis heute noch der »Schweißhund« dazu da, Blutfährten zu suchen.

Scylla und CharybdisIn Homers »Odyssee« zwei Meeresungeheuer, die auf den gegenüberliegenden Seiten einer schmalen Meerenge, vermutlich in der Straße von Messina zwischen Italien und Sizilien, hausten und die Gefahren der Schiffahrt personifizierten, die an Felsen und Strudeln vorbeiführte. Scylla, ursprünglich eine schöne Jungfrau und von einem Meeresgott geliebt, war von ihrer eifersüchtigen Rivalin, der Zauberin Circe, in ein entsetzliches Geschöpf mit zwölf Füßen und sechs langen Hälsen mit jeweils einem Kopf mit einer dreifachen Reihe Zähnen verwandelt worden. Sie lebte in einer Felsenhöhle und verschlang jede Beute, die in ihre Reichweite kam. Ihr gegenüber am anderen Ufer wuchs ein großer Feigenbaum, unter dem Charybdis, der Strudel, hauste. Dreimal am Tage sog sie das Meerwasser ein und spie es wieder aus. Dabei verschlang sie alles, was sich ihr näherte. Als Odysseus an ihnen vorbeifuhr, vermochte er Charybdis auszuweichen, aber Scylla ergriff sechs Männer von seinem Schiff und verschlang sie.

Seemannsgarn...entstammt - wie könnte es anders sein - natürlich der Seemannssprache: Da Matrosen auf See in ihrer Freizeit häufig aus aufgelöstem altem Tau- und Takelwerk neues »Schiemannsgarn« zum Umwickeln von Leinen und Trossen herstellen mußten, erzählten sie bei dieser ebenso stupiden wie langwierigen Arbeit ihre Abenteuer, Sagen und Schwänke. Genau wie die Angler neigte man zu Übertreibungen und manch phantastischer Erzählung im Grenzbereich zwischen Dichtung und Wahrheit - das wurde irgendwann zur Hauptsache, die Arbeit nebensächlich, und so bekam das »Schiemannsgarn spinnen« mit der Zeit eine ganz neue Bedeutung...

Sei kein FroschManchmal wird man in großer Runde aufgefordert, etwas zu sagen, zu singen oder vorzutragen - wer sich dann ziert und sträubt, wird mit dieser Wendung gern zur Darbietung gedrängt. Der Ausdruck bezieht sich auf die extreme Schreckhaftigkeit des Frosches, der schon bei der geringsten Bewegung in seiner Nahe abtaucht. Diese vermeintliche Ängstlichkeit ist eine ganz normale Reaktion eines Fluchttieres, das sich seinen vielen Freßfeinden oft nur durch einen beherzten Sprung entziehen kann.

Seid fruchtbar und mehret euch...heißt es in der Bibel in Genesis 1.28: »Benedixitque illis Deus et ait crescite et multiplicamini et replete terram et subicite eam et dominamini piscibus maris et volatilibus cæli et universis animantibus quæ moventur super terram« - »Gott segnet sie vnd sprach zu jnen: Seid fruchtbar vnd mehret euch vnd füllet die Erden vnd macht sie euch vnterthan Vnd herrschet vber Fisch im Meer vnd vber Vogel vnter dem Himel vnd vber alles Thier das auff Erden kreucht«.

Sein blaues Wunder erleben...kann man heute im Zusammenhang mit unerwarteten und unangenehmen Überraschungen: Im Mittelalter führten häufig Gaukler und Feuerschlucker ihre Zaubertricks vor und verwendeten dabei gelegentlich bläulichen Rauch, der sie einhüllte, damit die dargestellten Tricks nicht so leicht zu durchschauen waren. Die Zuschauer erlebten bei diesen Aufführungen ihr »blaues Wunder«, die Farbe Blau wird seitdem auch mit Täuschung und Ungewöhnlichem assoziiert. Auch hatten Farben früher oft bestimmte Bedeutungen: Rot ist zum Beispiel bis heute noch als Farbe der Liebe bekannt, Gelb ist der Neid, Grün die Hoffnung und Blau war dereinst eben die Farbe der Täuschung.

Sein Bündel schnürenWer »sein Bündel schnürt«, reist ab, geht auf Wanderschaft, oder nimmt - auch vom Leben - Abschied. Das »Bündel« bestand ursprünglich aus den Habseligkeiten des Handwerksburschen, die er für seine Walz in eine Decke oder ein Tuch geschlagen als Reisegepäck mitnahm.

Sein eigenes Nest bauen...heißt, sich eine (erste) eigene Wohnung einrichten. Das Nest steht oft synonym für das Haus bzw. die Wohnung, in der das junge Paar seinen Nachwuchs aufziehen möchte, darüber hinaus auch für verborgene Schlupfwinkel oder besonders behagliche Orte wie das Bett.

Sein eigenes Süppchen kochen...umgangssprachlich Leute, die etwas machen, ohne sich mit anderen Beteiligten darüber abzustimmen, die nur für sich alleine arbeiten: Suppe schmeckt immer am besten, wenn man sie in größeren Mengen zubereitet. Ökonomischer ist es allemal, nicht nur Mini-Mengen zu kochen. Wer - bildlich - dennoch lieber alleine ißt, nicht mit anderen teilen will, kocht - wohl seit ca. 1920 - »sein eigenes Süppchen«.

Sein Fähnlein nach dem Wind drehen...heißt, sich der jeweils herrschenden Meinung anschließen, opportunistisch, gesinnungslos sein - wie eine Fahne, die immer in der Richtung flattert, in der der Wind weht. Der Vorläufer der seit dem 16. Jahrhundert belegten Wendung ist die Redensart »Den Mantel nach dem Winde kehren«, die bereits aus dem Mittelalter überliefert ist.

Sein Fett wegkriegen...meint keine Diät - vielmehr bekommt jemand das, was er verdient hat, es wird abgerechnet, jemand getadelt oder auch verspottet: Die Redewendung wird auf das Schweineschlachten, Butter- und Käsemachen zurückgeführt: Bei diesen dörflichen Gemeinschaftsaktionen war es Brauch, daß jeder, der daran beteiligt war, auch einen gewissen Teil Fett zugeteilt bekam. Das galt allerdings als minderwertig - wer nur Fett bekam, hatte etwas Schlechtes ergattert.

Sein Licht nicht unter den Scheffel stellenTrauen wir jemandem außerordentliche Fähigkeiten zu, die dieser aber aus Bescheidenheit nicht einsetzt, ermuntern wir ihn mit einem Spruch, der auf die Bergpredigt (Matthäus 5.15) zurückgeht. Dort heißt es: »Neque accendunt lucernam et ponunt eam sub modio sed super candelabrum ut luceat omnibus qui in domo sunt« - »Man zuendet auch nicht ein Liecht an, vnd setzt es vnter einen Scheffel, sondern auff einen Leuchter, so leuchtet es denn allen, die im Hause sind«. Der Scheffel, ein Gefäß für Getreide, steht auch für ein Volumenmaß mit landschaftlich verschiedener Größe (23-223 Liter) und ein Flächenmaß, wieviel man mit einem Scheffel voll Körner besäen kann. Wer sein Licht unter den Scheffel stellt, der verbirgt es - aber ist das nun eine Warnung vor der Brandgefahr, oder ist so einer nur geizig, weil durch die geringere Sauerstoffzufuhr weniger Leuchtöl verbraucht wird? Oder tappt derjenige deshalb im Dunkeln, weil er das Scheffelmaß nicht mehr ablesen kann? Jesus jedenfalls hat keinen Appell zu mehr Selbstbewußtsein im Sinn gehabt, als den wir den Satz heute verstehen. Er will vielmehr dazu ermutigen, die Botschaft des Glaubens nicht für sich zu behalten, sondern in die Welt zu tragen...

Sein Mäntelchen nach dem Wind hängen...heißt heute, sich opportunistisch verhalten, seine Meinung so ändern, wie es gerade nützlich ist. Was heutzutage abwertend klingt, war im Mittelalter noch ein äußerst praktischer Rat: Ursprünglich war wohl kein ganzer Mantel gemeint, sondern eine Art Tuch, das auf der dem Wetter zugewandten Seite über anderen Kleidungsstücken getragen wurde - nichts anderes also, als sich vor Wetter und Wind zu schützen. Die früher wörtlich gemeinte Redensart taucht bereits um 1200 in einer mittelalterlichen Spruchsammlung auf, die unter dem Namen »Spervogels« überliefert ist: »man sol den Mantel kêren als das weter gat«. In Gottfried von Straßburgs »Tristansage« heißt es um 1210 ganz ähnlich: »Man sol den mantel kêren, als ie die winde sint gewant« (10 430). Erst etwa seit dem 16. Jahrhundert wird diese sprichwörtliche Redewendung mit der Konnotation des Charakterlosen verwendet, sie hatte also - wie so viele - ursprünglich einen positiven Charakter.

Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage...zitieren wir in Situationen, die für uns existenzielle Bedeutung haben, aus William Shakespeares (1564-1616) Tragödie »Hamlet, Prinz von Dänemark« (3. Aufzug, 1. Szene). Protagonist Hamlet beginnt mit diesem Satz einen Monolog, in dem er über das Leben und den Tod nachdenkt, sich vor entschlossenem Handeln fürchtet: »To be or not to be, that is the question«.

Sein Scherflein beitragenWenn wir heute »unser Scherflein beitragen«, geht es nur um einen kleinen Beitrag. Der biblische Sinn indes ist ein anderer: Dort bedeutet es, an die Grenzen der eigenen Möglichkeiten zu gehen. Der Evangelist Markus vergleicht eine arme Frau an der Sammelbüchse mit reichen Spendern: »Cum venisset autem una vidua pauper misit duo minuta quod est quadrans«. - »Vnd es kam eine arme Widwe vnd legte zwey Scherfflin ein, die machen einen Heller«. (Markus 12.42; Lukas 21.2). Für Jesus ist diese gute Tat mehr wert, als die Spende eines reichen Mannes. Die aramäisch »Peruta«, griechisch »Lepton« genannten Münzen waren übriggebliebenes jüdisches Kleingeld, das in der Zeit jüdischer Herrscher zwischen 169-63 a.C. vor der römischen Herrschaft in Palästina geprägt worden war. Das »Scherflein« aus Martin Luthers (1483-1546) Übersetzung, eine seit den Karolingern im 8./9. Jahrhundert geprägte Kleinstmünze (½ Pfennig oder »Obol«), entstand aus dem lateinischen »scripulum« und wandelte sich von »scrip, scirp, scerp« über ahdt. »scerpf« in unser heutiges »Scherf«. Nach anderen Quellen war ein »Scherf« im 14. Jahrhundert eine Münze mit Sollbruchstellen, die dafür gedacht waren, sie in kleinere Teile mit geringerem Wert zerbrechen zu können. »Scherfe« deshalb, weil man große Münzen quasi in »Scherben« (Scherflein) zerteilen konnte. Mundartlich ging der Begriff jedenfalls bald auf kleine Münzen im Allgemeinen über. In Georg Büchners (1813-37) »Deutsche Geschichte von 1815-1870« lesen wir dazu: »... Die Anfänge der deutschen Flotte aber, für die in Deutschland der Ärmste sein Scherflein gegeben, für welche die deutschen Frauen gearbeitet und gewirkt hatten, diese wurden öffentlich versteigert...«

Sein Schwert in die Waagschale werfen...geht auf eine wahre Begebenheit zurück: Als die Gallier 387 a.C. die Römer besiegten, forderten sie einen hohen Tribut. Die Römer beschwerten sich, daß die Gallier die geforderten 1000 Pfund Gold mit falschen Gewichten abgewogen haben sollen. Gallierkönig Brennus warf - wie »Ab urbe condita libri« (Annalen seit der Gründung der Stadt), die 142 Bücher umfassende römische Stadtgeschichte des Titus Livius (59 a.C.-17) berichtet - höhnisch auch noch sein Schwert in die Waagschale. Dazu sprach er die berühmten Worte: »væ victis« (Wehe den Besiegten). Heute beschreibt das Wort jemanden, der all seine Fähigkeiten einsetzt, um eine Entscheidung zu beeinflussen.

Sein Waterloo erlebenEine finale Niederlage bezeichnet man oft als »Waterloo« und bezieht sich dabei auf die die letzte und entscheidende Schlacht der Befreiungskriege bei Waterloo in der belgischen Provinz Brabant am 18. Juni 1815. Dabei wurde Kaiser Napoléon I. von den vereinten britischen, hannoveranischen, niederländischen und preußischen Armeen unter General Wellington und Feldmarschall Blücher vernichtend geschlagen. Er legte vier Tage später seine Kaiserkrone nieder und wurde auf die Atlantikinsel St. Helena verbannt, wo er 1821 starb.

Seine Feuertaufe bestehenUrsprung dieses Idioms für »eine erste heikle, schwierige Situation überstehen« ist Johannes der Täufer, der den Messias ankündigt: »Ego quidem vos baptizo in aqua in pænitentiam qui autem post me venturus est fortior me est cuius non sum dignus calciamenta portare ipse vos baptizabit in Spiritu Sancto et igni« - »Jch teuffe euch mit Wasser zur busse, Der aber nach mir kompt, ist stercker denn ich, Dem ich auch nicht gnugsam bin, seine Schuch zutragen, Der wird euch mit dem heiligen Geist vnd mit Fewr teuffen«. (Mt. 3.11). Dann müssen die Apostel 132 biblische Seiten lang warten, bis das ersehnte Wunder endlich geschieht: »Et apparuerunt illis dispertitæ linguæ tamquam ignis seditque supra singulos eorum et repleti sunt omnes Spiritu Sancto et coeperunt loqui aliis linguis prout Spiritus Sanctus dabat eloqui illis« - »Vnd man sahe an jnen die Zungen zerteilet, als weren sie fewrig, Vnd Er satzte sich auff einen jglichen vnter jnen, vnd wurden alle vol des heiligen Geists, vnd fiengen an zu predigen mit andern Zungen, nach dem der Geist jnen gab aus zusprechen«. (Apg. 2.3f) Die Flammen zeigen schlicht an, daß Gott selbst in Aktion tritt, den Aposteln vermittelt er auf diese Weise die Gabe, das Evangelium aller Welt zu bringen. Später taucht die Redensart auch im Zusammenhang zum Kriegsgeschehen auf - die Feuertaufe erhielt, wer seine erste Schlacht geschlagen hatte oder das erste Mal beschossen worden war.

Seine Hände in Unschuld waschenDie Wendung kommt wiedermal aus dem Neuen Testament: Jesus wurde, nachdem er von Judas verraten worden war, vom Synedrium, der obersten jüdischen Behörde Palästinas, der Blasphemie für schuldig befunden und dem römischen Tribunal überantwortet. Der Statthalter Pontius Pilatus weigerte sich allerdings, das Todesurteil zu bestätigen, sodaß es schließlich noch zu einer Befragung des Beklagten kam. Zwar war der Præfectus Judaææ augenscheinlich von der Würde beeindruckt, mit der Jesus seine Fragen beantwortete - allein die Angst vor einem Aufstand in Jerusalem ließ ihn aber schließlich dennoch der Forderung des Volkes nachgeben, das auf Jesu Kreuzigung bestand: »Videns autem Pilatus quia nihil proficeret sed magis tumultus fieret accepta aqua lavit manus coram populo dicens innocens ego sum a sanguine iusti huius vos videritis« - »Da aber Pilatus sahe, das er nichts schaffet, sondern das viel ein groesser Getuemel ward, nam er Wasser, vnd wusch die Hend fur dem Volck, vnd sprach, Jch bin vnschueldig an dem blut dieses Gerechten, sehet jr zu«. (Matthäus 27.24)

Seine Haut zu Markte tragenDie volle persönliche Verantwortung für etwas übernehmen: Früher wurden nicht menschliche, sondern Viehhäute auf den Markt gebracht. Im Laufe der Jahrhunderte redete man immer weniger von Häuten, als vielmehr von Pelzen und Leder.

Seine Nase überall hineinstecken...muß bildlich jemand, der sich - meist ebenso unbefugt wie neugierig - um einfach alles kümmert, allem voran um Dinge, die ihn eigentlich gar nichts angehen.

Seine Pflicht und Schuldigkeit tunDie Doppelformel geht auf die »preußischen Tugenden« zurück, wie sie von Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) und vor allem seinem Sohn Friedrich dem Großen (1712-1786) propagiert wurden. Dazu gehörten vor allem Disziplin, Fleiß und Gehorsam.
Eine Anekdote, die aber nicht sicher verbürgt ist: In ›Die Tänzerin Barberina‹ von Louis Schneider heißt es, Graf Dohna habe für seinen Haushofmeister C. L. Mayer, der sich darum bemüht hatte, die Tänzerin 1744 für Berlin zu gewinnen, eine besondere Belohnung beim König beantragt. Dieser aber habe geantwortet: »Kriegt nichts! hat nur seine verfluchte Schuldigkeit getan« (›Der Bär‹, Berlin 1880, S. 25).
Nach anderen Überlieferungen soll ein württembergischer Soldat diese Worte zu Napoleon gesagt haben - wahrscheinlich ist das vermeintliche Zitat doch eher einfach im Volksmund entstanden.

Seine Pfründe bewahren...heißt, sich seinen Einfluß und finanziellen Spielraum nicht einschränken lassen. Die »Pfründe« waren ursprünglich eine Schenkung, die den Beschenkten lebenslang versorgen sollte. Später benutzte man das Wort für ein Einkommen aus einem weltlichen oder kirchlichen Amt.

Seine Schäfchen ins Trockene bringen...Zeitgenossen, die sich den eigenen Vorteil sichern, für eigenen Profit sorgen. Diese Wendung, die seit dem Ende des 16. Jahrhunderts bekannt ist, kommt eigentlich von den »Schepken« für »Schiffchen«, die man vor schlechtem Wetter oder dem nahenden Winter in Sicherheit brachte.
Aber auch die hohe Krankheitsanfälligkeit junger Lämmer, die noch kein dickes Wollkleid besitzen, führt dazu, daß die Herde immer vor Regen geschützt auf trockenen Wiesen weiden sollte. In sumpfigen Gebieten kommen zudem häufig Leberegel (Trematoda) vor, die in der Leber und Gallenblase verschiedener Pflanzenfresser parasitieren und schwere, oft tödliche Entzündungen verursachen.

Seine Siebensachen packen...meint heute, daß wir unsere wenigen Habseligkeiten zusammenpacken, um damit abzureisen, auszuziehen oder eilig zu verschwinden.
Die Primzahl »Sieben« spielt in der volkstümlichen Symbolik und Mystik von jeher eine wichtige Rolle - sowohl als heilige Zahl wie in der Bibel und vielfach im Orient, als auch als böse Zahl, die gefürchtet und als Unglückszahl möglichst gemieden wurde. Schneewittchens »sieben Zwerge hinter den sieben Bergen«, die »sieben Weltwunder«, die »sieben Sinne«, der »Siebenschläfer«, die sieben Tage der Woche und die Erschaffung der Welt in sieben Tagen sind natürlich allbekannt.
In der seit dem 17. Jahrhundert bezeugten Redensart steht das Zahlwort für eine geringe Menge, für sehr wenig. Was die »Siebensachen« waren, weiß man heute nicht mehr genau - vermutlich waren es ein Mantel, ein Hut, ein Hemd, eine Hose, zwei Schuhe und ein Stock. Viel weniger konnte man nicht besitzen.

Seinem Affen Zucker gebenDas Synonym für »seiner Eitelkeit nachgeben, den Schwächen frönen, sich berauschen, betrinken, ausgelassen sein« kommt bei mehreren Schriftstellern vor. So schrieb beispielsweise Fritz Reuter (1810-74): »Na, der (Kellner) bringt sie (eine Flasche Wein), und wir geben unserm Affen Zucker und werden fidel wie die Maikäfer um Pfingsten«. Bei Theodor Fontane (1819-98) kommt die Wendung gleich mehrfach vor - er schrieb z.B.: »Da habe ich demissioniert und dem Affen meiner Eitelkeit das Zuckerbrot gegeben« oder »Ja, Dubslav, was soll das nun alles wieder? Du gibst da Deinem Zeisig mal wieder ein gutes Stück Zucker. Ich sage Zeisig, weil ich nicht verletzlich werden will«.
Ursprünglich ging es aber wohl um Leierkastenmänner oder Scherenschleifer, die durch's Land zogen und als zusätzliche Attraktion oft ein Äffchen dabei hatten, das mit kleinen Kunststückchen das Publikum erheiterte. Diesem gaben sie hin und wieder ein Stückchen Zucker, um es bei Laune zu halten.

Seinen Friedrich Wilhelm daruntersetzenIm 17.-19. Jahrhundert gab es in Deutschland scharenweise Regenten, die den Namen »Friedrich Wilhelm« trugen. Die Unterzeichnung von Urkunden und Verträgen mit diesem Namenszug wurde so mit der Zeit zum Synonym für die Unterschrift überhaupt.

Seinen Senf dazugeben...muß heute umgangssprachlich jemand, der sich ungefragt in ein Gespräch einmischt und nicht selten alles besser weiß: Bereits die Germanen übernahmen von den Römern die Zubereitung der leckeren Würzpaste aus gemahlenen Senfkörnern. Der Ausdruck entstand wohl im 17. Jahrhundert und geht auf eine Angewohnheit vieler Wirte zurück: Gewürze wie Pfeffer oder Muskat waren damals sündhaft teuer. So gab man ungebeten überall Senf zu den Speisen, weil dieser preiswerter als die kostbaren Gewürze war, aber dennoch jedes Mahl aufwertete - auch wenn er geschmacklich nicht immer paßte. Das konnte genauso unangenehm sein wie ein ungebetener Rat...
Eine andere Deutung: Im Mittelalter lebten die Mächtigen stets in der Angst, vergiftet zu werden, wenn sie in fremden Burgmauern speisten. Da der Braten vergleichsweise schwer zu vergiften war, lauerte die Gefahr eher im Senf des Hauses - also brachte sich jeder Gast seinen eigenen mit, um sicherzugehen.

Seines Zeichens...ist jemand etwas von Beruf oder Rang, auch Mitglied in einem Verein, wenn wir ihn vorstellen und seinen Beruf erwähnen. Diese Wendung geht auf die mittelalterlichen Zunftbräuche wandernder Gesellen zurück: Jedes Handwerk hatte ein Wappen und ein Zunftzeichen - kehrten Handwerksgesellen auf der Walz in eine Wirtschaft ein, stellten sie sich vor und malten eben jenes Zeichen vor sich auf den Tisch, sodaß jeder sah, wessen Zeichens sie waren.

Seit/zu Olim's ZeitenOlim war keine Person, sondern meint das lateinische Wort »olim« - ehemals. Mit dieser Wendung ist ein Vorgang gemeint, der vor sehr langer Zeit stattfand.

Seitenhieb...nennen wir umgangssprachlich eine eigentlich gar nicht zum Thema gehörende Anspielung, eine spitze Bemerkung, mit der wir jemanden kritisieren, angreifen, ihm bei Gelegenheit einen bissigen Rüffel erteilen. Diese Stichelei geht ganz einfach auf einen unerwarteten »Hieb von der Seite« im Fechten zurück, in früheren Jahrhunderten »der Sport« schlechthin, aus dem so manch Ausdruck in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist.

Selbst ist der Mann...sagen wir heute leichthin und gehen in den Baumarkt, wenn in der Wohnung was zu renovieren ist. Die Redensart stammt ursprünglich aus dem Drama »Faust - Der Tragödie zweiter Teil« von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), wo der Kaiser zu Faust über seinen Feind, den ihn herausfordernden Gegenkaiser spricht: »Selbst ist der Mann! Wer Thron und Kron' begehrt, Persönlich sei er solcher Ehren wert« (IV, 10467, Auf dem Vorgebirg).

SenatorDer »Senator« kommt ursprünglich vom lateinischen »senex« (alt, alter Mann, Greis). Der »Senat« war ursprünglich der »Rat der Alten«, also der erfahrenen, weisen Herren in Rom.

Sesam, öffne Dich...lautet die Zauberformel, mit der die Schatzkammer und Räuberhöhle im Märchen »Ali Baba und die 40 Räuber« aus »Tausendundeiner Nacht« geöffnet werden kann: Ali Baba, ein armer Holzfäller, entdeckt die Höhle einer Räuberbande in einem geheimnisvollen Berg. Mit dem Zauberspruch, den er zufällig vom Räuberhauptmann erfährt, dringt er in den Berg ein und kann, hin- und hergerissen von der Verlockung des Goldes, nicht widerstehen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf, als der reiche, gierige Bruder Kasim von der Höhle erfährt und von den Räubern überrascht und getötet wird. Während europäische Übersetzungen häufig als Kindermärchen gelten, handelt es sich bei den orientalischen Originalen um oft sehr erotische Geschichten für Erwachsene. So geht man davon aus, daß »Sesam« ursprünglich das weibliche Geschlechtsteil, wichtigstes Fruchtbarkeitssymbol der arabischen Welt meinte - der Zauberspruch wäre demnach also nicht mehr und nicht weniger als eine verschlüsselte Aufforderung zum Geschlechtsakt. Heute verwenden wir das vielleicht älteste Paßwort der Welt eher scherzhaft, wenn wir nicht wissen, wie wir einen Raum oder eine Verpackung öffnen können.

Setz Dich auf Deine fünf BuchstabenDie rustikale Aufforderung zum Hinsetzen meint ein gängiges Synonym für »Popo« oder »Hintern«, das mit »A« beginnt und von vornehmen Leuten möglichst nicht in den Mund genommen werden sollte...

Sich den Mund fusselig reden...muß man manchmal, wenn jemand nicht richtig zuhören will oder kann und trotz mehrfacher Wiederholung partout nicht begreift, was man eigentlich so ausführlich und dennoch wirkungslos darlegt. Wir reden uns bildlich »Fransen ums Maul« - der Mund wird durch den übermäßigen Gebrauch wie ein alter Stoff zerschlissen.

Sich den Schneid nicht abkaufen lassen...meint heute, daß man sich von seinen Kritikern nicht entmutigen lassen soll. Das mittelalterliche Wort »Schneid« für Mut und Tatkraft kommt ursprünglich von der Schneide des Schwertes: Wer Waffen trug, hatte Schneid - trat ihm aber ein Gegner sehr entschieden entgegen, konnte schon im Vorfeld der Mut verlorengehen und der »Schneid abgekauft« werden.

Sich den Wind um die Nase wehen lassen...Abenteurer, die die Welt und das Leben kennenlernen. Ursprung dürften die Winde und Stürme der sieben Weltmeere gewesen sein, die den frühen Weltenbummlern kräftig »um die Nase« geweht haben.

Sich die Beine in den Bauch stehen...bedeutet, lange, endlos lange auf etwas warten zu müssen. Zugrunde liegt die Vorstellung, daß durch die ewige Steherei der Rumpf aufgrund der Schwerkraft auf die Beine sacken würde.

Sich die Hörner abstoßen...heißt nichts weiter, als daß zu ungestüme junge Menschen sich austoben sollen, um dadurch ruhiger und besonnener zu werden, (sexuelle) Erfahrungen zu sammeln.
Auch junge Hirsche und Rehböcke werden erheblich ruhiger, wenn sie sich erst die Hörner an den Bäumen abgestoßen haben - diese Metapher geht allerdings auf den altehrwürdigen Brauch der akademischen »Deposition« zurück, der bereits um das Jahr 360 begründet wurde, um niemanden in ein Studium aufzunehmen, ehe man nicht seinen Verstand, Begabung und Charakter sorgfältig geprüft hatte: Ursprünglich eine »Wasserweihe«, ein rituelles, mit allerlei Klamauk angereichertes Bad, mit dem Novizen athenischer Sophistenschulen in den Kreis der Studenten aufgenommen wurden, entwickelte sich daraus im Laufe der Zeit die »depositio cornuum« - das »Ablegen der Hörner« -, ein Initiationsritus spätmittelalterlicher Studiergemeinschaften, bei dem ein Hut mit Hörnern ein besondere Rolle spielte: Dabei wurde der Student in einem Zeremoniell als »bestia cornuta« - als monströses Tier mit Hörnern, Zähnen und Bart verkleidet, anschließend wurde er mittels überdimensionaler Handwerksinstrumente recht unsanft bearbeitet, gründlich gereinigt und verschönert und von den Attributen der ›Wildheit‹ befreit - ihm wurden die Hörner abgeschlagen oder abgeschliffen, große »Bacchantenzähne« in den Mund gesteckt und ausgerissen, »sal sapientiæ« (Salz der Weisheit) in den Mund und »vinum lætitiæ« (Wein der Freuden) aufs Haupt gegossen, bevor er endlich feierlich immatrikuliert wurde. Erst im 18. Jahrhundert wurde dieser inzwischen zur Farce verkommene Brauch aufgegeben.

Sich die Kante gebenDieses umgangssprachliche Synonym für »sich besaufen« kommt wohl nicht daher, daß sich jemand »unter den Tisch« trinken wollte und beim Sturz die Birne an der Tischkante angeschlagen hat, sondern kommt ursprünglich vom althochdeutschen »kannata« - einem Gefäß oder einer Kanne. Im Laufe der Zeit änderte sich das, sodaß mancher heute schonmal ganz gern bis an die »Kante«, den Rand der üblichen Wahrnehmungsfähigkeit zecht.

Sich die Nase pudern...gehen Damen, die sich nicht unbedingt nachschminken wollen, sondern vielmehr zur Toilette müssen. Besonders im englischen fragt man im Restaurant nicht einfach nach der Toilette - das »dringende Bedürfnis« wird verschämt umschrieben, man erkundigt sich nach dem »bathroom« (Badezimmer). Auch in Deutschland kann das »stille Örtchen« gemeint sein, es kann aber auch bedeuten, daß die Herzdame nur mal ganz kurz mit der Freundin über ihren männlichen Begleiter ablästern will, oder - in einschlägigen Kreisen - sich eine Linie Koks reinzieht.

Sich eine goldene Nase verdienen...Zeitgenossen, die mit lukrativen Geschäften außerordentlich viel Geld »verdienen« (oder wohl doch eher »kriegen«) und dadurch sehr reich werden. Manche meinen, diese Wendung ginge auf König Midas zurück, dem alles, was er berührte, zu Gold wurde. Andere sehen den Ursprung bei dem dänischen Astronomen Tycho Brahe (1546-1601), der bei einem Duell einen Teil seiner Nase verloren und der Überlieferung nach durch eine goldene Prothese ersetzt haben soll.

Sich einen hinter die Binde gießenDieses Synonym für Alkoholkonsum kam etwa 1850 auf und geht auf die Halsbinde zurück: Bevor der Hemdkragen erfunden wurde, sollte sie den Gehrock vor Verschmutzungen schützen - manch Landser kennt dies auch noch als regelmäßig zu wechselnde »Kragenbinde«.
Auch waren seinerzeit Schlupfhemden ohne Knöpfe recht beliebt, deren Halsbereich mittels eines eingenähten Seilzugs - der »Binde« - an den Umfang angepaßt werden konnte. Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts rann manch Tropfen hinter ebendieser Binde die Kehle hinunter...

Sich einen Namen machen...Leute, die durch Erfolge bekannt oder gar berühmt werden. Der Ausdruck geht auf die Geschichte vorn Turmbau zu Babel zurück: »Venite faciamus nobis civitatem et turrem cuius culmen pertingat ad cælum et celebremus nomen nostrum antequam dividamur in universas terras« - »Wolauff! Lasst vns eine Stad vnd Thurn bawen, des spitze bis an den Himel reiche, das wir vns einen namen machen. Denn wir werden vieleicht zerstrewet in alle Lender« (Genesis 11:4). Dahinter steht die Sorge, daß was keinen Namen habe, nicht existiere.

Sich französisch empfehlen...heißt, sich heimlich, still und leise verkrümeln, vom Acker machen, abhauen. Johann Sebastian Bach (1685-1750) soll anno 1717 in Dresden den französischen Organisten Louis Marchand (1669-1732) zu einem Wettstreit aufgefordert haben. Jener zog es jedoch vor, bei Nacht und Nebel abzureisen, nachdem er Bach heimlich bei seinem Spiel belauscht hatte. Dieses grußlose Verschwinden galt seither als französische Eigenart - in Frankreich verabschiedet man sich analog dazu »auf Englisch«.

Sich freuen wie BolleDiese Redensart hat ihren Ursprung in einem Altberliner Gassenhauer aus dem 19. Jahrhundert:

  »Bolle reiste jüngst...«

  Bolle reist' sich jüngst zu Pfingsten,
  Nach Pankow war sein Ziel
  Da verlor er seinen Jüngsten
  Janz plötzlich im Jewühl
  'ne volle halbe Stunde
  Hat er nach ihm jespürt
  Aber dennoch hat sich Bolle
  Janz köstlich amüsiert...

Das Lied spiegelt einen Feiertagsausflug in den damaligen Vorort Pankow wider. Der verbreitete Spitzname Bolle (Zwiebel) steht für eine nicht näher bestimmte Person, eine »Berliner Type«, wie Tünnes und Scheel in Köln oder Hans Hummel in Hamburg. Das weitverbreitete Lied hat zahllose Umdichtungen erfahren, auch die Strophenzahl variiert stark je nach Quelle.

Sich gebauchpinselt fühlenDieses unerwartete, weil seltene Lob kommt aus der frühen Studentensprache: Um sich von den »normalen« Menschen abzuheben, erfanden Studenten einst recht kreative Wortschöpfungen. »Gebauchpinselt« als Ableitung von »Nervenkitzel« oder »Gaumenkitzel« war eine solche...

Sich gehenlassen...heißt, sich keinen Zwang anzutun, seiner Natur freien Lauf zu lassen. Ursprünglich ist hier an das Pferdegespann zu denken, das man ungezügelt gehen lassen kann. In Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) »Torquato Tasso« sagt Antonio im dritten Akt, vierter Auftritt:

 »Da liegt, geliebte Freundinn, die Gefahr!
  Mit fremden Menschen nimmt man sich zusammen,
  Da merkt man auf, da sucht man seinen Zweck
  In ihrer Gunst, damit sie nutzen sollen.
  Allein bey Freunden läßt man frey sich gehn,
  Man ruht in ihrer Liebe, man erlaubt
  Sich eine Laune, ungezähmter wirkt
  Die Leidenschaft, und so verletzen wir
  Am ersten die, die wir am zärtsten lieben«.

Sich in den Beutel lügenSchon seit dem 15. Jahrhundert steht »Beutel« für »Geldbeutel«. Es kam durchaus vor, daß sich mancher nach schlechten Geschäften vormachte, mehr als vorher im Beutel zu haben. Die Redensart meint also »sich einen Vorgang schönreden, obwohl die Tatsachen anders aussehen«.

Sich in den Haaren liegen...erinnert daran, daß man sich einst beim Kampf im eigentlichen Wortsinne »in den Haaren« lag. Heute steht die Metapher allgemein für »Uneins sein, Streit miteinander haben«. Jörg Wickrammen (um 1505-62), Stadtschreiber zu Burgheim, schrieb in seinem »Rollwagenbüchlin« schon anno 1555: »Die lagen einanderen für vnd für im har vnd konten nit mit einander gestellen«.

Sich in kein Korsett zwängen lassenWir bekommen ein Angebot, das jedoch mit großen Einschränkungen und Vorgaben verbunden ist, sodaß wir dankend ablehnen. Die Redensart geht natürlich auf das Kleidungsstück zurück: Seit dem 16. Jahrhundert trug die »Dame von Welt« ein Mieder, eine Art steifes Unterhemd, das den Körper der Mode gemäß formte. Notfalls wurde der Leib mit Gewalt in dieses Korsett gezwängt und fest verschnürt.

Sich ins Buch des Lebens eintragen»Etiam rogo et te germane conpar adiuva illas quæ mecum laboraverunt in evangelio cum Clemente et ceteris adiutoribus meis quorum nomina sunt in libro vitæ« - »Ja ich bitte auch dich, mein trewer Geselle, stehe jnen bey, die sampt mir vber dem Euangelio gekempffet haben, mit Clemen vnd den andern meinen Gehuelffen, welcher namen sind in dem Buch des lebens« heißt es in Philipper 4.3. Mit Bezug auf Offenbarung 3.5 ist gemeint »Von Gott zu den Gerechten gezählt werden«. Dort lesen wir: »Qui vicerit sic vestietur vestimentis albis et non delebo nomen eius de libro vitæ et confitebor nomen eius coram Patre meo et coram angelis eius« - »Wer vberwindet, der sol mit weissen Kleidern angelegt werden, vnd ich werde seinen namen nicht austilgen aus dem buch des Lebens, vnd ich wil seinen namen bekennen fur meinem Vater, vnd fur seinen Engeln«.

Sich keine Blöße geben...heißt heute, in einer Unterhaltung oder Handlung gewisse Themen tunlichst zu vermeiden, zu denen einem das nötige Fachwissen fehlt. Die Redewendung stammt aus der Sprache der Fechter: Als »Blöße« bezeichnen diese den ungeschützten Teil des Körpers, der dem Angriff der gegnerischen Klinge ausgesetzt ist, wenn man seine eigene Deckung aufgegeben hat.

Sich kringeln vor LachenJemand erzählt einen guten Witz und wir können nicht aufhören, zu lachen - wir »kringeln« uns: Die Redensart geht auf den Kringel, ein halbkreisförmig gerolltes, gefülltes Hefegebäck, zurück. Beim exzessiven Lachen krümmt sich der Oberkörper, man hält sich den Bauch. Seitlich betrachtet entsteht so ein Halbkreis - ein Kringel.

Sich mit jemandem anbinden...heißt, einen dauerhaften, langwierigen Streit zu führen. Die Redensart geht auf den Fechtsport zurück: Vor dem Beginn eines »Ganges« kreuzen die beiden Kämpfer die Klingen ihrer Waffen. In diesem Moment sind die Klingen »gebunden«. Dann erst geht es los mit dem Kampf.

Sich schwarzärgern...soll vermutlich daher kommen, daß jemand sich sehr stark, fast zu Tode ärgert. Seit dem späten 18. Jahrhundert steht diese Redewendung auch literarisch für die Hautverfärbung eines Toten, besonders im Zusammenhang mit dem »schwarzen Tod«, der Beulenpest, bei der sich der Körper mit schwarzen Flecken bedeckt.

Sich seine Sporen erst noch verdienen müssen...bedeutet, vorläufig noch keine Anerkennung und Würdigung seiner Leistung zu erfahren, die ersten Erfolge erst noch erringen zu müssen, indem man sich durch eine besondere Leistung auszeichnet. Es gibt wohl schon seit Urzeiten das ungeschriebene Gesetz, daß jedes neue Mitglied einer Gruppe zunächst die althergebrachten Spielregeln zu übernehmen hat, ehe ihm zugestanden wird, daran zu rütteln und eigene Ideen zu verwirklichen.
Bei der mittelalterlichen Weihe zum Ritter bekam der Knappe zum Zeichen seiner Ritterwürde ein Schwert und ein Paar Reitsporen. Der Stil und das verwendete Material dieser Fersenstacheln waren Zeichen des Ranges, den man in der Gesellschaft hatte - mit dieser Ausstattung konnte der Ritter nun beginnen, seine Fähigkeiten bei Schlachten und Turnieren unter Beweis zu stellen.

Sich seitwärts in die Büsche schlagen...meint, daß jemand klammheimlich vom Ort des Geschehens verschwindet, untertaucht, sich einer Sache entzieht und geht darauf zurück, daß, wenn irgendwo Toiletten fehlen, wir gezwungen sind, uns für die Erledigung unserer »Geschäfte« immer tiefer »in die Büsche zu schlagen«.
Schon in dem Gedicht »Der Wilde«, das der Schriftsteller Johann Gottfried Seume (1763-1810) im Jahre 1801 verfaßte, heißt es am Ende:

 »Ruhig lächelnd sagte der Hurone:
 ›Seht, ihr fremden klugen weißen Leute,
  Seht, wir Wilden sind doch bess're Menschen!‹
  Und er schlug sich seitwärts ins Gebüsche«.

Sich sputenWir haben gleich einen wichtigen Termin - um zu diesem nicht zuspät zu kommen, müssen wir uns ordentlich sputen, uns beeilen. Der Ausdruck kommt aus dem Althochdeutschen: »spuot« bedeutete etwa »Eile, Eifer«, auch das englische »speed« hat einen ähnlichen Ursprung. Über das Plattdeutsche »spuden« wurde daraus unser heutiges »sputen«.

Sicher wie das »Amen« in der KircheDiese Versicherung, daß wir von etwas überzeugt sind, kommt aus dem Hebräischen und ist später auch in den Islam übernommen worden. Mit dem »Amen« - »So ist es, so soll es geschehen!« - wird im christlichen, wie im jüdischen und islamischen Gottesdienst nach jedem Liturgie- oder religiösen Ritualteil die volle Zustimmung ausgedrückt.

Sicher wie in Abrahams Schoß...sind wir laut Bibelzitat in einem Gleichnis Jesu, das das Schicksal des armen Lazarus und eines reichen Mannes gegenüberstellt: Der Wohlhabende, der sich nicht um die Not des anderen schert, hat ein gutes Leben, landet aber dann in der Hölle: »Factum est autem ut moreretur mendicus et portaretur ab angelis in sinum Abrahæ mortuus est autem et dives et sepultus est in inferno«. - »Es begab sich aber, das der Arme starb vnd ward getragen von den Engeln in Abrahams schos. Der Reiche aber starb auch vnd ward begraben« heißt es in Lukas 16.22. Schon die Zeitgenossen Jesu dachten bei dieser Metapher ans Paradies, die ewige Seligkeit, einen Ort, wo man nahe beim Erzvater ist und noch heute sprechen wir davon, wenn wir uns an einem Ort oder in einer Situation sicher und geborgen fühlen. Auch in die Literatur hat die Wendung Einzug gefunden. So stellte Friedrich von Schiller (1759-1805) im 8. Auftritt von »Wallensteins Lager« die Frage: »Wie machen wir's, daß wir in Abrahams Schoß kommen«?

Siebengescheit...nennen wir abschätzig jemanden, der »die Weisheit mit Löffeln gefressen« hat, uns neunmalklug und oberlehrerhaft ständig eines besseren belehren will. Ursprünglich bezieht sich der Bgriff wohl auf das Studium und Beherrschen der sieben »Freien Künste« Grammatik, Rhetorik, Logik/Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie.

SiebenmeilenstiefelDieses überaus schnelle Fortbewegungsmittel stammt aus dem Märchen »Der kleine Däumling«: Jener wird zusammen mit seinen Brüdern von einem menschenfressenden Oger verfolgt. Als der Riese erschöpft einschläft, stibitzt Däumling seine Stiefel, die sich im Nu der Größe des jeweiligen Besitzers anpassen. Macht man mit ihnen nur sieben Schritte, hat man bereits eine Meile hinter sich gebracht.

SiebenschläferDer 27. Juni gilt als Wetterlostag, dessen Witterung die kommenden sieben Wochen prägen soll. Diese volkstümliche Regel ist in verschiedenen Versionen wie »Ist der Siebenschläfer naß, regnet's ohne Unterlaß« oder »Wenn Siebenschläfer Regen kochen, regnet's ganze sieben Wochen« oder auch »Wenn's am Siebenschläfer regnet, regnet's sieben Wochen lang« bekannt und beruht auf der Erfahrung, daß gegen Ende Juni eintreffende Vorstöße maritimer Luft oft für mehrere Wochen recht intensive Niederschläge bewirken können.
Seinen Namen verdankt der Siebenschläfertag nicht dem gleichnamigen Nagetier, dem man nachsagt, daß es sieben der zwölf Monate des Jahres verschlafe, sondern einer eher grausigen alten Legende, wonach sieben Brüder 195 Jahre lang in einer Höhle bei Ephesus schlafend die Christenverfolgung unter Kaiser Decius (249-251 a.C.) überlebt haben sollen. Sie hatten in einer Berghöhle Zuflucht gesucht, wurden dort aber aufgespürt und lebendig eingemauert. Glaubt man der Erzählung, wurden sie am 27. Juni 446 zufällig entdeckt, wachten auf, bezeugten den Glauben an die Auferstehung der Toten und starben kurz darauf.
Der eigentliche Siebenschläfertag ist heute aber nicht mehr der 27. Juni, sondern vielmehr der 7. Juli, da die Wetterregel vor der Gregorianischen Kalenderreform von 1582 aufgestellt wurde, die zehn Tage ersatzlos gestrichen hat.

Siebter HimmelIn der jüdischen Tradition hat man die Vorstellung, daß Gott im siebenten, dem obersten Himmel seinen Sitz hat. Wenn wir heute im »siebten Himmel« sind, sind wir »über alle Maßen glücklich«.

SilberblickDer Ausdruck für den »Mikrostrabismus«, ein leichtes Schielen, geht wohl auf den Maler, Bildhauer, Architekten, Musiker, Anatom, Mechaniker, Ingenieur, Naturphilosoph und Erfinder Leonardo da Vinci (1452-1519) zurück: Er verwendete bei seiner berühmten »Mona Lisa« eine Maltechnik, bei der die Augenstellung (bzw. die Position der Iris beider Augen) nicht exakt symmetrisch dargestellt, sondern leicht zur Mitte hin verschoben wird. Dies vermittelt dem Betrachter das Gefühl, die dargestellte Person würde ihn direkt ansehen und bei Bewegung sogar mit dem Blick folgen. Figuren in älteren Abbildungen starren - je nach Fähigkeit des Malers - unnatürlich oder schauen durch den Betrachter hindurch in die Ferne. Durch die Photographie sind wir heute gewohnt, daß Abbildungen einen »Silberblick« haben, weil die Personen dabei auf die Linse blicken.
Andere meinen, der Begriff stamme aus der Silbergewinnung: Kurz vor dem Erstarren entsteht auf dem flüssigen Silber ein eigenartiger Schimmer. Auch diesen irritierenden Glanz nannte man »Silberblick« und übertrug dies auf leicht schielende Augen.

Silberstreif am Horizont...sagen wir metaphorisch zu einem winzigen Hoffnungsfunken, einem positiven Signal in weiter Ferne, das doch Grund zur Zuversicht, ein Zeichen beginnender Besserung ist. Dieser »Silberstreif« kündet vom Sonnenaufgang, dem ersten Schein, der nach langer Dunkelheit durch die Wolken bricht, vom »Licht am Ende des Tunnels«. Das geflügelte Wort wird dem deutschen Außenminister Gustav Stresemann (1878-1929) zugeschrieben, der auf einer Parteitagsrede am 17.02.1924 in einem in London vom Bankier und späteren US-Vizepräsidenten Charles Gates Dawes (1865-1951) ausgehandelten Plan »zum erstenmal einen Silberstreifen an dem sonst düsteren Horizont« sah. Der »Dawesplan«, der die Reparationszahlungen Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg regelte, sah vor, das zahlungsunfähige Deutsche Reich mit einer internationalen Anleihe über 230 Millionen Dollar (800 Mio. Goldmark) wieder aufzupäppeln. Das hatte einen kurzen Wirtschaftsfrühling zur Folge, führte aber zu einer starken Abhängigkeit von den USA.

SilhouetteAls Étienne de Silhouette (1709-67) anno 1759 Finanzminister Ludwigs XV. wurde, machte er sich gleich durch rigorose Sparmaßnahmen unbeliebt - noch vor Ablauf eines Jahres verlor er sein Amt wieder. Die Pariser bespöttelten mit dem Ausdruck »a la Silhouette« daraufhin alles Kurzlebige, später auch gestümperten Notbehelf. Es heißt, der sparsame Herr habe seine Wohnung mit billigen Scherenschnitten aus schwarzem Papier dekoriert und auch selbst derartige Porträts angefertigt und verkauft: Schattenrisse, die preiswertere Form des Portraits gegenüber den sonst üblichen Miniaturen, kamen quasi über Nacht in ganz Frankreich und bald darauf auch im Ausland in Mode. Etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie durch die Photographie verdrängt.

SilvesterSilvester I., Papst von 314 bis zu seinem Tode am 31. Dezember 335 gab dem Tag seinen Namen. Einer Legende aus dem 5. Jahrhundert zufolge heilte er den römischen Kaiser Konstantin den Großen (280-337) von der Lepra. Dieser gewährte den Christen Religionsfreiheit und beendete so die Christenverfolgung. Die Kirche wählte den Namen des Papstes für den letzten Tag des Jahres, um aus der heidnischen Geisternacht ein Kirchenfest zu machen - was wohl nicht ganz gelang. Volksbräuche an diesem Tage, wie die Zukunftsdeutung für das kommende Jahr (Bleigießen) und die Vertreibung der bösen Geister durch ohrenbetäubendes Lärmen und Alkohol haben sich bekannterweise bis heute gehalten.

Simsalabim...ruft der Zauberer und Schwupps - schon hopst ein süßes kleines Häschen aus dem Zylinder.
Vieles, was Muslime im Spätmittelalter dank ihrem damals gegenüber der westlichen Welt enormen wissenschaftlich-technologischen Vorsprung taten, kam den Europäern wie Zauberei vor. Mit dieser Formel ironisierten Zauberkünstler den Koran, in dem jede Sure (Kapitel) mit »Bismi allah rahman i rahim« (Im Namen Allahs, des barmherzigen und gnädigen Gottes) eingeleitet wird. Dieser Ausruf ist im Alltag islamischer Länder bis heute allgegenwärtig - das Beschwörende blieb dabei trotz der Abwandlung im Volksmund erhalten.

SireneIn der griechischen Sagenwelt sind Sirenen Vögel mit Menschenköpfen. Diese meist weiblichen Wesen lockten mit ihrem lieblichen Gesang Seefahrer auf ihre Insel, um sie dann zu töten. Als der griechische Held Odysseus auf Sirenen trifft, wird er von Circe vor der tödlichen Gefahr gewarnt. Er verstopft seinen Gefährten die Ohren und läßt sich selbst an den Mast binden, um so den »Sirenen« zu entkommen.

SisyphusarbeitDie Bezeichnung geht zurück auf die Hadesstrafe des Sisyphus, von der Homer in der Odyssee berichtet: Sisyphus, Äolus Sohn, Gründer und König von Korinth, war verschlagen und schlecht und galt als der gewinnsüchtigste aller Menschen. Als Strafe für seine Schlechtigkeit mußte er im Tartarus einen Felsen einen hohen Berg hinaufwälzen, der aber immer wieder in die Tiefe rollte, so daß er wieder von vorn beginnen mußte. Im Gedenken an dieses große Vorbild nennt man heute sinnlose, niemals endenwollende Arbeit »Sisyphusarbeit«.

Sitzt, paßt, wackelt und hat Luft...sagt manch Hobbybastler, wenn er etwas zusammengefriemelt hat, was zwar nicht wirklich so ganz genau paßt, aber dann irgendwie doch funktioniert. Diese ironische Wendung kam wohl etwa um 1930 aus der Handwerker- in die Alltagssprache, als auch Handwerker mit ihren einfachen Werkzeugen noch oft nur ungefähre Ergebnisse erzielten, die aber dennoch brauchbar waren.

Skrupellos...sind Leute, die scheinbar ohne Gewissensbisse Entscheidungen nur zum eigenen Vorteil treffen. Das Wort geht auf den »Skrupel« ℈ (von lateinisch »scrupulus« - Steinchen) zurück - einst eine durchaus gängige Gewichtseinheit, die 6 Karat - ca. 1,25 Gramm entsprach. Apotheker nutzten kleine Steinchen mit diesem Gewicht, um feine Mengen abzuwiegen. Taten sie das nicht und dosierten sie »skrupellos« nur nach Gefühl, hatte das für manch Patienten recht fatale Folgen.

SnobDer Begriff wurde im 18. Jahrhundert, als Adelsstand noch wichtig war, in Namenslisten englischer Universitäten als Namenszusatz verwendet und ursprünglich »s.nob«. geschrieben, als Abkürzung für »sine nobilitate« (lat.: ohne Adelstitel), um als Student unter Adligen nicht ohne Namenszusatz dazustehen. Andere meinen, daß ursprünglich das Wort »Schuhmacherlehrling« (in Schottland: »snab«) nicht Unadlige, sondern Nicht-Studenten bezeichnete. Wie auch immer - in »Good old England« erschlichen sich nichtadlige Wichtigtuer mit diesem Pseudo-Adelstitel Zutritt zu Klubs und anderen Einrichtungen, die eigentlich Adligen vorbehalten waren und nutzten deren Statussymbole, ohne wirklich zum Adel zu gehören.

So ein SchmarrnDie Redensart geht auf eine in Bayern und Österreich beliebte Mehlspeise zurück: Der »Schmarrn« aus Mehl, Eiern, Zucker und Butter sieht aus, wie ein zerfetzter Pfannkuchen.

So jung kommen wir nicht mehr zusammen...ermuntern wir mit sanfter Gewalt und einem neuen Gläschen die ersten Gäste feuchtfröhlicher Runden, die sich zu vorgerückter Stunde verabschieden wollen, zu bleiben. Was nur wenige wissen: Wir zitieren hier das Libretto der Arie »Gesundheit Herr Nachbar, mein Gläschen ist leer« aus der komischen Oper »Hokus Pokus oder Das Gaukelspiel«, die kein Geringerer als Goethes Schwager, der sächsische Schriftsteller Christian August Vulpius (1762-1827) im Jahre 1790 zur Musik von August Carl Ditters von Dittersdorf (1739-99) schrieb. In dem Kanon »Dem Gott der Reben vertrau ich mein Glück« singt der Chor: »Wir kommen doch morgen so jung nicht zusammen, nur schade, wir müssen doch endlich von dannen«. Der Refrain »Wir wollen nun trinken, bis alles ist leer« ist eine sehr deutliche Aufforderung zum Weiterfeiern.

So schnell schießen die Preußen nicht...sagen wir, wenn etwas erst genau geprüft werden soll, gar so schnell dann doch nicht geht, noch genügend Zeit bleibt. Angeblich soll Otto von Bismarck (1815-98) anno 1875 auf die Frage eines britischen Journalisten, ob sich Deutschland mit Eroberungsplänen trage, mit den Worten: »So schnell schießen die Preußen nicht! Keine übereilten Entschlüsse treffen. So rasch geht das alles nicht. Mehr Überlegung ist angebracht.« geantwortet haben.
Allerdings war der Spruch zu dieser Zeit schon nicht mehr neu - manche meinen, er ginge auf die besondere Behandlung von Deserteuren zurück: Während die in anderen Ländern kurzerhand erschossen wurden, waren sie - angeblich auf Geheiß Friedrichs des Großen (1712-86) - und dank sprichwörtlich-preußischer Sparsamkeit viel zu wertvoll, sodaß man sie zwar halb totprügelte, dann wieder gesundpflegte, um sie weiter in Dienst zu nehmen.
Eine andere Interpretation sieht Zusammenhänge zur Schlacht bei Königgrätz 1866 und spielt auf die Zündnadelgewehre der Preußen an, die jenen wohl einen großen Vorteil gegen die veralteten Vorderlader verschafften, aber dennoch nicht schlacht- oder gar kriegsentscheidend waren.
Wieder andere leiten die Wendung daraus ab, daß seit 1742 auf preußischen Kanonen die Inschrift »Ultima ratio regis« (Des Königs letztes Mittel) eingraviert war, was sich im Volksmund bald so relativierend weiterentwickelte.

Sodom und GomorrhaEmpfinden wir irgendwelche Zustände als besonders verwerflich oder chaotisch, heißt es oft: »Es geht zu, wie in Sodom und Gomorrha«.
Die Bibel berichtet, daß die Bürger dieser beiden Städte es mit Gottlosigkeit und Ausschweifungen - die heilige Pflicht der Gastfreundschaft war verletzt und Sexualpraktiken, die nicht unbedingt der Forpflanzung dienen, waren verlangt worden - derart bunt trieben, daß sich schließlich der Herr persönlich der Sache annahm: »Igitur Dominus pluit super Sodomam et Gomorrham sulphur et ignem a Domino de cælo et subvertit civitates has et omnem circa regionem universos habitatores urbium et cuncta terræ virentia«. - »Da lies der Herr Schwebel vnd Fewr regenen von dem Herrn vom Himel erab auff Sodom vnd Gomorra vnd keret die Stedte vmb, die gantze gegend vnd alle Einwoner der stedte vnd was auff dem Lande gewachsen war« heißt es dazu in Genesis 19.24f. Gott selbst scheint übrigens nicht immer so strenge Maßstäbe anzulegen: Nur wenige Zeilen später sieht er milde darüber hinweg, daß der als Einziger mit seinen Töchtern aus Sodom gerettete Lot doppelten Inzest betreibt.
Es gibt einige Hinweise darauf, daß diese Städte einst tatsächlich existierten und heute unter dem Toten Meer liegen. Man vermutet, daß die wüstenähnliche Landschaft am Toten Meer, in der weder Pflanzen noch Tiere gedeihen, zu der Vorstellung führte, dies sei das Ergebnis einer Zerstörung gewesen. Hieraus sei dann die biblische Erzählung entstanden.

Sommerfrische...nannten die Gebrüder Grimm in ihrem Wörterbuch einen »Erholungsaufenthalt von Städtern auf dem Lande zur Sommerzeit«. Das wundervoll wohlklingende Wort soll bereits um 1510 entstanden sein, geriet dann jedoch weitestgehend in Vergessenheit und wurde erst um 1900 von den damaligen Oberschichten reanimiert, bis es mit dem Aufkommen des modernen Massentourismus wiederum dem schnöden »Urlaub« zum Opfer fiel.
Zu Zeiten von Pferdekutschen und mangelnder Kanalisation roch es in den Städten bisweilen sicher etwas herb - im Vergleich dazu empfand man die »Landluft« als angenehm »frisch«. Im mediterranen Sommer verläßt man noch bis heute die heißen, stickigen Städte und flieht zur »refrigerio« - Erfrischung und Erquickung - aufs Land oder ans Meer.

Sonne im Herzen...haben so beneidenswerte Menschen, die immer fröhlich und heiter durchs Leben gehen, nichts wirklich schwer nehmen, immer ein Lächeln auf den Lippen haben. Dieses Motto geht auf Cäsar Flaischlens (1864-1920) das Gedicht »Hab Sonne im Herzen« (1899) zurück:

 »Hab Sonne im Herzen,
  Ob's stürmt oder schneit,
  Ob der Himmel voll Wolken,
  Die Erde voll Streit!
  Hab Sonne im Herzen,
  Dann komme, was mag:
  Das leuchtet voll Licht Dir
  Den dunkelsten Tag«.

Der Volksmund schuf dazu folgende Parodie:

 »Hab Sonne im Herzen
  Und Zwiebeln im Bauch,
  Dann kannst Du gut furzen
  Und Luft hast du auch«.

SonntagskindSchon in der Antike standen Menschen, die sonntags geboren waren, im Zeichen der Sonne: Man glaubte, diese Glückskinder seien hellsichtig und könnten mit der Geisterwelt in Kontakt treten. Als der Sonntag zum christlichen »Tag des Herrn« wurde, blieb diese besondere Stellung erhalten. Bei den Germanen waren es allerdings die »Donnerstagskinder«, denen man unter dem Schutz des mächtigen Gottes Thor besondere Fähigkeiten nachsagte.

SOS...bedeutete ursprünglich schlicht und einfach - gar nichts: Das berühmte Notrufzeichen wurde auf der Internationalen Funkkonferenz in Berlin am 3. Oktober 1906 willkürlich festgelegt und ab dem 1. Juli 1908 offiziell eingeführt, weil der einprägsame Morsecode »SOS« (drei kurz, drei lang, drei kurz) wie eine kleine Melodie auch für ungeübte Funker leicht aus anderen Signalen herauszuhören war. Eine angebliche Abkürzung für »Save our Souls« (Rettet unsere Seelen) oder »Save Our Ship« (Rettet unser Schiff) wurde erst viel später hineininterpretiert. Das allererste »SOS« überhaupt setzte übrigens am 10. Juni 1909 der britische Passagierdampfer »Slavonia« ab: Der Kapitän war nahe an den Azoren vorbeigefahren, übersah bei dichtem Nebel die Klippen der Insel Flores und rammte sie mit voller Fahrt. Zwei Schiffe, die den Notruf empfangen hatten, kamen zu Hilfe und retteten die Passagiere - das Schiff selbst versank ein paar Tage später im Meer.

Sozialistische WarteeinheitSchlangestehen in der DDR

SpamDie Abkürzung für »Spiced Pork And Meat« - ursprünglich seit 1936 ein Markenname für Dosenfleisch - als Begriff für Werbemails verdanken wir einem Sketch aus »Monty Python's Flying Circus«, der am 15. Dezember 1970 erstmals ausgestrahlt wurde: In diesem Filmchen gibt es in einem Restaurant jede Menge Speisen - alle mit »Spam«. Dabei fällt das Wort ganze 132 (!) Mal und wurde so zum Synonym für sinnlose und unnötige Wiederholungen. Das Lied zum Film:

 »Spam, Spam, Spam, lovely Spam
  Wonderful Spam, Lovely Spam.
  Spam, Spam, Spam, magnificent Spam,
  Superlative Spam.
  Spam, Spam, Spam, wonderous Spam,
  Surgical Spam, splendiferous Spam.
  Spam, Spam, Spam, Spaaam!«

wurde so vom weltweiten Netz übernommen und bezeichnet seither jede Art von unverlangt zugesandter (kommerzieller) Massen-E-Mail. Korrektere Bezeichnungen für Spam-Mails wären eigentlich »UCE« (Unsolicited Commercial Electronic Mail) und »UBE« (Unsolicited Bulk E-Mail) - aber das weiß kaum jemand. Und so klingt es doch auch viel schöner...

SpanferkelDie bei Gourmets so beliebten jungen Schweine heißen nicht etwa so, weil sie über brennenden Spänen gegrillt werden. Spanferkel saugen zum Zeitpunkt ihres verfrühten Ablebens eigentlich noch an der Brust der Muttersau. Ein altgermanisches Wort für »Mutterbrust« ist »spen«.

Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not...ermahnten sich schon Generationen unserer Altvordern vor langer, langer Zeit. Dennoch ist diese sprichwörtliche Lebensweisheit heute aktueller denn je, auch wenn ursprünglich nicht zwingend pekuniäre Erwägungen im Vordergrund standen. Vielmehr war anno dunnemals die Rede davon, daß man bestimmte Dinge, die man - beispielsweise zur sommerlichen Ernte - in relativem Überfluß besaß, für die »schlechten Zeiten« im Winter zurücklegen sollte. Viele unterschiedliche Arten der Konservierung wie das Einwecken von Obst und Gemüse, das Einmieten von Kartoffeln oder das Räuchern von Fleisch und Wurst sind mittlerweile weitestgehend in Vergessenheit geraten. Ob der praktisch ganzjährigen Verfügbarkeit im Handel ist es nunmehr oft das nötige »Kleingeld«, das uns fehlt. Die Erkenntnis, daß klassische Zinsen - die die Inflation ohnehin wieder auffrißt - unseren Sparstrumpf nicht signifikant füllen, führt dementsprechend über kurz oder lang zu der ironisierten Form dieses Sprichworts: »Spare in der Not, da hast Du Zeit dazu«.

Spartanisch leben...kommt von der äußerst harten Erziehung und Lebensweise der Spartiaten: Im griechischen Stadtstaat Sparta war es üblich, daß man die Kinder, deren schwächste erst gar nicht aufgezogen, sondern im Taygetosgebirge ausgesetzt wurden, im Alter von sieben Jahren aus ihren Familien nahm und einer umfassenden staatlichen Ausbildung unterzog. Zu den gemeinsamen Mahlzeiten hatten sie einen Naturalbeitrag zu leisten. Wer das nicht konnte, verlor das Vollbürgerrecht. Es gab kaum privaten Reichtum und die Erziehung war einzig auf möglichst harte und klaglose Kämpfer ausgerichtet. Heute meinen wir damit eine genügsame, harte und anspruchslose Art zu leben.

Spät kommt ihr, doch ihr kommt...kritisieren wir hin und wieder Zuspätkommer und freuen uns doch gleichzeitig, daß sie überhaupt noch gekommen sind. Mit diesen Worten aus Johann Christoph Friedrich von Schillers (1759-1805) »Wallenstein«-Trilogie (Die Piccolomini I, 1) empfängt Feldmarschall Illo den Grafen Johann von Isolani, General der Kroaten in Wallensteins Lager in Pilsen und meint verständnisvoll: »Der weite Weg, Graf Isolan, entschuldigt Euer Säumen«.

SpatzenhirnIntelligenz spricht man neben dem Menschen bestenfalls noch seinen nächsten Verwandten, den Primaten, zu. So ist das - im Verhältnis winzige - »Spatzenhirn« als Schimpfwort, als Beleidigung zu sehen, als Behauptung, jemand habe ein schlechtes Gedächtnis oder sei dumm.

Spendierhosen...haben umgangssprachlich Leute an, die spontan in der Kneipe eine Saalrunde bestellen oder sonstwie ohne besonderen Grund freigiebig sind. Der Ausdruck soll auf den österreichischen Prediger Abraham a Sancta Clara (1644-1709) zurückgehen, der seine Predigten gern mit Witzen und Wortspielen ausschmückte. Die »Spendierhosen« mit großen Taschen voller Geld für die Kollekte erwähnte er in dem satirischen Traktat »Narren-Nest« (1703).

Sperenzchen machen...hin und wieder Leute, die sich zieren wo es nur irgend geht, sich gegen alles und jeden stellen, andauernd Schwierigkeiten machen und sich stets und ständig in Widersprüche verwickeln - also einfach nicht so verhalten, wie wir es von ihnen erwarten würden. Dieser Begriff für »Ausflüchte, Fisimatenten, Mätzchen, Zicken« soll wohl im 17. Jahrhundert vom mittellateinischen »sperantia« (hinhaltende, trügerische Hoffnung) abgeleitet sein, außerdem ist er vermutlich im Laufe der Zeit volksetymologisch an »sperren« im Sinne von »hin-, aufhalten, Umstände machen« angelehnt.

SphinxDie sagenhafte Mischgestalt aus Kopf und Brust einer Frau und dem Körper eines Löwen war im alten Ägypten die Wächterin an den Tempeleingängen. Auf einem Felsen sitzend, gab sie jedem, der die Stadt Theben betreten wollten, ein Rätsel auf: »Welches Wesen hat morgens vier, mittags zwei und abends drei Füße«? Wer es nicht lösen konnte, mußte sterben. Als Ödipus die richtige Antwort: »Der Mensch, der als Kind auf allen vieren kriecht, als Erwachsener auf zwei Beinen steht und sich im Alter auf einen Stock stützt« gab, brachte sich die Sphinx um.

SpiegelfechtereiEin Politiker gibt vor, mit allem, was er hat, für ein bestimmtes Ziel zu kämpfen - unternimmt aber in Wirklichkeit nichts. Die Redewendung kommt aus dem Sport: Ein Fechter führt vor dem Spiegel verschiedene Angriffs- und Verteidigungsübungen aus und kontrolliert so seine Technik. Ähnliche Übungen kennt man auch vom Boxen, Karate oder im Ballett.

Spießer/SpießbürgerEin sehr biederer, konservativer, auch beschränkter Mensch, ein Kleingeist mit zurückgebliebenen Wertvorstellungen, historisch keineswegs so herabsetzend: Entstanden ist der Begriff um 900, in der Zeit, in der einfache, kleine Bürger ihre Städte und ihr Hab und Gut noch mit dem Spieß verteidigten. Jeder Bürger hatte die Pflicht, im Verteidigungsfall eine Waffe in die Hand zu nehmen und die Stadt zu verteidigen. Da die meisten Bürger weder Zeit noch Geld hatten, die Kunst des Schwertkampfes zu erlernen, mußten sie sich mit dem rustikalen Spieß begnügen. Den negativen Einschlag bekam der Begriff möglicherweise dadurch, daß die Kleinstädter an ihren Traditionen sehr lange festhielten und vom Fortschritt geradezu überrollt wurden.

Spießgesellen...waren bis ins 18. Jahrhundert einfache Bauern ohne militärische Ausbildung, die nur einfache Waffen wie den Spieß tragen durften, der ihnen diesen Namen gab. So ein Spießgeselle war eigentlich ein guter Freund und Waffengefährte für die »richtigen« Soldaten - die negative Konnotation kam erst mit dem schlechten Ruf, den sich die Landsknechte durch Raub und Plünderung erwarben.

SpießrutenlaufMeist unverschuldet öffentlichem Spott ausgesetzt sein. Ursprünglich war die Wendung wohl auch wörtlich gemeint: Der Spießrutenlauf war eine harte Militärstrafe, die seit dem 17. Jahrhundert bekannt ist. Dabei mußte der Verurteilte durch eine von Soldaten gebildete Gasse laufen und wurde dabei mit Ruten geschlagen. Nicht selten führte diese Bestrafung zum Tode des Verurteilten.

Spinatwachtel...bezeichnet im deutschen Sprachgebrauch spöttisch eine schrullige Alte mit extrem schmalem Körperbau: Der Begriff kommt wohl aus dem Süddeutschen und geht auf »spinnete« (verrückt, spindeldürr) zurück. Die Wachtel steht zusätzlich als Sinnbild der quäkenden Eigenbrötlerin.

Spindeldürr...sagt der Volksmund spöttisch zu auffällig schlanken Menschen, bei denen einige Knochen wie die länglichen, zu den Enden hin immer dünner werdenden Spindeln, auf die ein gesponnener Faden aufgewickelt wird, deutlich sichtbar hervortreten.

Spinne am Morgen... ...Kummer und Sorgen, Spinne am Abend, erquickend und labend. Ein Sprichwort, das uns schon in frühesten Kindertagen rätseln ließ. Mit den Arachniden hat es nichts zu tun, sondern stammt von der Tätigkeit des Garnspinnens. Mußte man schon am frühen Morgen zum Broterwerb spinnen, verdiente man wenig und Kummer und Sorgen standen ins Haus. Konnte man abends als Hobby spinnen, war dies in der Tat erquickend und labend.

SpinnefeindDieses Wort, das die völlige Abneigung gegen einen anderen ausdrückt, geht wohl auf unsere - eigentlich irrationale - Abneigung gegen Spinnen zurück: Von über 40000 Arten sind gerade etwa ein Dutzend wirklich gefährlich - und die leben überwiegend in Australien. Niemand weiß wirklich, warum die nützlichen Insektenvertilger bei uns einen solchen Ekel hervorrufen.
Andere führen den Begriff darauf zurück, daß die »Schwarze Witwe« (und andere Spinnenarten) ihre männlichen Artgenossen nach der Begattung einfach auffrißt. Die Aminosäuren des verzehrten Männchens sollen so dem Nachwuchs zugute kommen, sie haben eine sehr kurze Lebenszeit und opfern sich dann quasi ihrer Nachkommenschaft.

Spitz auf Knopf stehen...Entscheidungen, deren Ergebnis höchst unsicher ist, die bis zuletzt gut oder schlecht ausgehen können. Diese Redewendung, die wahrscheinlich von den zwei Enden von Degen und Schwertern herkommt, wird schon in einer Ilias-Übersetzung zitiert: »Jetzt steht der Griechen Tod und Leben auf Spitz und Knopf gefährlich schweben«.
Dabei ist die Degenspitze der »Spitz«, der zum Stechen und Kämpfen dient - die Verzierung am Schwertknauf der »Knopf«. Wenn ein Fechter mit »Spitz« und mit »Knopf« auf den Gegner einwirkt, kann er ihn gar arg in Bedrängnis bringen. Auch wurde der »Knopf« ähnlich wie ein Ring in den Siegellack unter einem Vertrag gedrückt. Die Alternative war somit der Kampf mit dem Schwert oder eine friedliche Einigung, die mit dem Knopf besiegelt wurde.
Kaiser Karl dem Großen (um 747-814) wird zugeschrieben, er hätte auf seinem Degenknopfe, mit dem er seine Befehle zu siegeln pflegte, die Buchstaben »D.P.C.A.D.C.« (Decem Præceptorum Custos A Deos Constitutus - Zum Wächter der zehn Gebote von Gott verordnet) eingravieren lassen und pflegte zu sagen: »Was der Knopf siegelt, soll die Spitze verteidigen.«

Spitz wie Nachbars Lumpi...ist umgangssprachlich jemand, der sehr dringend auf ein schnelles sexuelles Abenteuer aus ist. Ursprung dieser Redensart ist wohl die Doppeldeutigkeit in einem Wortspiel um die außerordentlich promiskuitive Hunderasse »Spitz«, die jahrhundertelang massenhaft überall in Europa gezüchtet wurde. Die Tatsache, daß der einst weitverbreitete unsaubere, zottelige Straßenköter meist nicht gerade besonders schön anzusehen war, hat ihm gelegentlich den zynischen Kosenamen »Lumpi«, der sich auf textile Lumpen - also etwas Schmutziges, weitestgehend Nutzloses, Unbrauchbares - bezog, eingebracht.

SpitzbartSpöttisch für Walter Ulbricht (1893-1973), Staatsratsvorsitzender der DDR

Spitze des EisbergsEin Problem ist nur oberflächlich erkannt - in Wirklichkeit hat es ungeahnte, nicht kalkulierbare Ausmaße: Die Redensart ist ein Vergleich mit einem richtigen Eisberg. Von diesen großen, auf dem Meer schwimmenden Eismassen ist nur etwa ein Neuntel zu sehen, während der weitaus größte Teil unter Wasser schwimmt und eine große Gefahr für Schiffe darstellt.

SplitternacktSchon im 15. Jahrhundert war man »splitternaket«, also völlig nackig. Den Ursprung hat die Wendung wohl in »splinternackt«. »Splint« ist die Faser- oder Bastschicht, die zwischen der Rinde und dem Stammholz eines Baumes liegt - daher auch die Form »splitterfasernackt«. Ein Stamm ist erst dann ganz nackt, wenn neben der Rinde auch der Splint entfernt wurde. »Splinternackt« bedeutet also, nackt bis unter den Splint, also ausgezogen »bis aufs Holz«.

Spökenkieker...nennt ursprünglich der Westfale und der Norddeutsche Menschen mit einem »zweiten Gesicht«, Geisterseher, die meinen, in die Zukunft blicken und unheimliche Dinge wie Krankheiten, Tod oder Kriege vorhersehen zu können. Heute steht der Begriff eher für Pessimisten und Schwarzseher, denen eigentlich jegliche Gabe zu solcher Vorhersage abgeht.

Spornstreichs...ist ein alter Ausdruck für »sofort, etwas schnell ausführen«. Ursprung ist ein Reiter, der seinem Pferd einen plötzlichen »Streich« (Stich) mit den »Sporen« gibt, um es anzutreiben.

Sporteln...waren Entgelte, die im 15.-18. Jahrhundert nach festgelegten Normen an Gerichtspersonen für ihre Amtshandlungen zu zahlen waren. Erst durch die preußische Justizreform erhielten Richter feste Bezüge. Der Ursprung des Wortes liegt wohl im lat. »sportella« (Gabe, Geldgeschenk).

Spottdrossel...nannte man früher jemanden, der andere durch Nachahmungen verspottete - heute eher einen Kabarettisten. Die Bezeichnung ist der Vogelwelt entlehnt: Die Spottdrossel (Mimus polyglottos), ein nordamerikanischer Singvogel, gehört zu den sogenannten »Spottvögeln«, deren lauter Gesang die Stimmen anderer Vögel imitiert oder Umweltgeräusche nachmacht, wobei das Repertoire des Männchens aus bis zu 200 Liedern besteht. Dieses Lautverhalten wird als »spotten« bezeichnet.

Spree-AthenDiese liebevoll-ironische Bezeichnung für Berlin taucht zuerst in einem Gedicht von Erdmann Wircker, in dem er anläßlich des 200-jährigen Bestehens der ersten brandenburgischen Landesuniversität Alma Mater Viadrina in Frankfurt/Oder im Jahre 1706 König Friedrich I. von Preußen (1657-1713) ehrt und lobt, auf:

  »Daß ganz Europa nicht von einem Fürsten hört!
  Der so der Künste Kern als König Friedrich liebet.
  Die Fürsten wollen selbst in deine Schule gehen.
  Drumb hastu auch für sie ein Spree-Athen gebauet,
  Wo Prinzen in der Zahl gelehrter Musen stehn
  Da wird die Weisheit erst in rechter Pracht geschauet.«.

Spuren im Sand...beschreiben etwas Flüchtiges, leicht Vergängliches wie unsere Fußabdrücke am Strand oder im Wüstensand, die von der nächsten Welle fortgespült, vom nächsten Wind verweht werden. Howard Carpendale (*1946) verwendete diese Metapher anno 1974 in einem berühmten Schlagertext.

StaatsaktionDas Wort geht auf die Wanderbühnen des 17. Jahrhunderts zurück und bezeichnete einst Stücke ernsteren Inhalts als Hauptaktion, die wegen ihres politischen Inhalts »Staatsaktionen« genannt wurden und denen komische Stücke folgten. Das im Gegensatz zum Kunstdrama der Hofbühne unliterarische Schauspiel mußte sich am kaum entwickelten Publikumsgeschmack orientieren, daher kommt die Bedeutung von »etwas künstlich hochspielen, Unwichtiges als brennendes Problem darstellen«.

Stadtluft macht freiNach »Jahr und Tag« war im Mittelalter ein Leibeigener frei, wenn er sich in eine Stadt geflüchtet hatte und sich diesen Zeitraum lang dort aufhalten und leben konnte. Diese Frist ist auf den Sachsenspiegel, das älteste deutsche Rechtsbuch (um 1220) zurückzuführen.

Stadtviertel...nennen wir einen hauptsächlich durch seine Bevölkerung definierten Kiez, einen Teil einer Stadt wie das Bahnhofs-, Banken- oder ganz einfach »unser« Viertel - die nähere Umgebung, aber auch das soziale Umfeld. Die Bezeichnung stammt aus der römischen Städteplanung: Eine Stadt war damals annähernd rechteckig und wurde von zwei sich im Zentrum kreuzenden Hauptstraßen, dem »Cardo maximus«, der meist in Nord-Süd-Richtung angelegt wurde und dem in Ost-West-Richtung verlaufenden »Decumanus maximus« in vier approximativ gleichgroße quadratische Viertel geteilt. Der Kreuzungspunkt bezeichnete das Zentrum der Stadt.

StahlhelmhochzeitWar ein Soldat im zweiten Weltkrieg (1939-45) gefallen, konnte dessen Braut dennoch mit dem nun toten Verlobten getraut werden: Dazu wurde ein Stahlhelm als Vertretungssymbol auf den Bräutigam-Stuhl bei der entsprechenden Hochzeitszeremonie auf dem Standesamt gelegt.

StammbaumZur Beschreibung der genealogischen Herkunft eines Menschen wird gerne der Vergleich mit einem Baum herangezogen: Ausgehend vom »Stamm« - dem Probanden selbst - werden die Vorfahren weitverzweigt als »Aste«, die Eltern also als dicke Hauptäste, die Großeltern jeweils als dünnere Nebenäste, die Urgroßeltern etc. immer weiter verästelt bis hin zu dünnen Zweigen dargestellt. Kinder und Enkel hingegen bildet man meist in der Gegenrichtung als »Wurzeln«, Nebenlinien wie Geschwister als »Seitenäste« ab.

Standpauke...nennt der Volksmund eine Strafpredigt, mit der dem Sünder Vorwürfe gemacht und an das Gewissen appelliert wird. Der Begriff aus der Studentensprache Anfang des 15. Jahrhunderts geht auf die »Standrede«, in der jemand ermahnt und getadelt wurde, und »pauken« im Sinne von »draufschlagen« zurück. Bei solchen Lektionen sollten die Adressaten durch laute Trommelschläge zusätzlich in Furcht versetzt und an ihre Pflichten erinnert werden.

StarallürenJemand glaubt, etwas ganz Besonderes zu sein, alle anderen müßten sein unausstehliches und anmaßendes Verhalten ertragen und tolerieren: Dieses Wort kommt vom Französischen, »Allüre« bedeutet hier Gangart, Tempo oder Benehmen. Anfang des 19. Jahrhunderts war dies ganz allgemein das Benehmen eines Menschen. Heute verwenden wir das Wort nur noch mit einem negativen Beigeschmack, oft mit »Star« gekoppelt, weil wir gerade bei diesem Menschenschlag ein besonders extremes Benehmen beobachten.

Starker Tobak...geht auf eine Geschichte aus dem 18. Jahrhundert zurück, in der ein Jäger dem Teufel begegnet: Der hatte noch nie eine Flinte gesehen und fragte den Jäger, was er denn da bei sich habe. Jener erklärte, daß es sich um eine Tabaksdose handele, aus der er gern mal einen Zug nehmen könne. Der Teufel konnte der Versuchung nicht widerstehen, der Jäger schoß ihm eine Ladung Schrot ins Gesicht und Luzifer rief daraufhin: »Das ist aber ein starker Tobak!« Mancher kennt auch noch den Spruch »Dat's barschen Toback, säd de Düwel, as de Jäger em en't Mul schoten harr«. Da hieraus das norddeutsche »vertobaken« (verprügeln) entstand, könnte man vermuten, daß der Höllenfürst ziemlich humorlos reagiert haben muß...

SteckenpferdDas »Steckenpferd« bezeichnete ursprünglich natürlich das allseits bekannte Kinderspielzeug - einen hölzernen Stab mit einem geschnitzten Pferdekopf, auf dem man als Kind wundervoll reiten konnte. Durch die Übersetzung der englischen Floskel »Hobby horse« aus dem Buch »Tristram Shandy« wurde »Steckenpferd« als Bezeichnung für einen (nutzlosen) Zeitvertreib im deutschen Raum gebräuchlich. Heute ist - statt der Übersetzung - eher die Verkürzung »Hobby« üblich.

StehaufmännchenJemand hat sich trotz schwerster Krankheit, persönlicher oder auch wirtschaftlicher Krisen wieder vollständig erholt, obwohl zuvor ein Rückschlag dem anderen folgte. Der Ausduck geht auf ein altes Kinderspielzeug zurück: Eine Puppe mit kugelförmigem Fuß, in dem sich unten ein Bleigewicht befand, konnte man (egal in welche Richtung) umkippen - sie schnellte im nächsten Moment immerwieder in die senkrechte Ausgangslage zurück.

StehkragenproletarierDie Bezeichnung vom Ende des 19./Anfang 20. Jahrhunderts meint den kleinen Angestellten, der sich als Bürgerlicher fühlte und wie ein solcher kleidete (Arbeiter trugen gewöhnlich Hemden ohne Kragen), vom Einkommen her aber nur Arbeiter (Proletarier) war.

Steht das Wasser bis zum Hals....oder gar »bis Oberkante Unterlippe«, ist jemand in großen Schwierigkeiten ist und weiß nicht, wie er da wieder rauskommen soll. Das Synonym für »kurz vor dem Ruin« erklärt sich fast von selbst: Steigt der Pegel noch weiter, wird die Lage noch bedrohlicher, ist es aus, man ertrinkt irgendwann. Die Wendung ist schon seit dem 17. Jahrhundert Teil unserer Umgangssprache. Also: Nicht den Kopf hängen lassen!!!

Stein der WeisenWir finden endlich die Lösung für ein schier unlösbares Problem - wir haben den berühmten »Stein der Weisen« gefunden: Einstmals waren wohl alle Alchemisten auf der Suche nach dem »Lapis philosophorum«, von dem man erhoffte, die Umwandlung unedler Metalle in Gold, das edelste aller Metalle, zu erreichen. Diese Idee erregte natürlich die Phantasie und die Habgier der Menschen im Mittelalter - bis dato war die Suche allerdings leider vegeblich...

Stein des AnstoßesEs kommt selten vor, daß ein Stein tatsächlich zum Auslöser von Zank oder Ärgernis wird. In Ostpreußen sollen sich im 19. Jahrhundert mal zwei Verwandte über den Besitz eines solchen Objekts vor Gericht gestritten haben. Der Richter riet, den begehrten Stein vor dem Gerichtsgebäude zu versenken - als Mahnung, die Justiz nicht mit Lappalien zu belästigen... Alles andere als eine Nebensächlichkeit freilich ist der »Stein des Anstoßes« in der Bibel. Da bezeichnet der Begriff den Höchsten, also Gott selbst: »Et erit vobis in sanctificationem in lapidem autem offensionis et in petram scandali duabus domibus Israhel in laqueum et in ruinam habitantibus Hierusalem« - »So wird er eine heiligung sein. Aber ein Stein des anstossens vnd ein Fels des ergernis den zweien heusern Jsrael zum strick vnd fall den bürgern zu Jerusalem«. (Jesaja 8.14) oder auch: »Eet lapis offensionis et petra scandali qui offendunt verbo nec credunt in quod et positi sunt« - »Ein Stein des an stossens vnd ein Fels des ergernis Die sich stossen an dem wort vnd gleuben nicht dran darauff sie gesetzt sind«. (1. Petrus 2.8) Der Prophet schildert hier wohl die Gottlosigkeit des Volkes. Das will die von Jesaja verkündete Botschaft nicht hören, nimmt an ihr Anstoß, fällt so vom Glauben ab und muß bitter büßen. In der Literatur zusätzlich bekannt wurde die Wendung durch Heinrich von Kleist (1777-1811), der im »zerbrochenen Krug« Dorfrichter Adam sagen läßt: »Gestrauchelt bin ich hier, denn jeder trägt den leidigen Stein zum Anstoß in sich selbst«.

Stein und Bein schwörenDie Wendung, mit der wir gelegentlich unsere Unschuld beteuern, ist bereits seit dem frühen 16. Jahrhundert bei Meistersinger Hans Sachs (1494-1576) belegt und wird auf alte Rechtsbräuche zurückgeführt: So soll der Stein, den man beim Schwur berührt, einst ein heidnischer heiliger Stein, später auch ein Altarstein gewesen sein. Zu christlichen Zeiten schwor man auch auf den Reliquienschrein mit dem darinliegenden Bein (Gebein) eines Heiligen, wie seit dem 6. Jahrhundert im Lex Allemannorum und im Parzival (um 1200) belegt ist.
Stein und Bein tauchen schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts bei dem schwäbischen Dichter Freidank auf: »Die Zunge hat kein Bein und bricht doch Stein und Bein«. Die Wendung geht auf das lateinische Vorbild »Osse caret lingua, secat os tamen ipsa maligna« zurück. Die Zwillingsformel entstammt also wohl nicht dem Rechtswesen, sondern wurde als Sinnbild der Härte und Bruchfestigkeit allgemein zur Verstärkung einer Aussage oder eines sprachlichen Bildes »Unzerstörbar und unzerbrechlich« benutzt.

Steine in den Weg legenSchon der mittelhochdeutsche Schriftsteller Thomas Murner (1475-1537) sagte dereinst in seiner »Schelmenzunft« (9.20): »Ich streich im an seyn hossen dreck und leit im heimlich steyn an wegk«. Diese Wendung meint, daß uns jemand unbedingt (unnötige) Schwierigkeiten bereiten will: Man kann sich leicht vorstellen, daß man auf einer glatten Straße weitaus besser vorwärtskommt, als wenn der Weg voller Steine liegt, die man einzeln umfahren oder gar wegräumen muß...

Stell Dir vor es geht und keiner kriegt's hin...sagen wir oft ironisch, wenn eine Sache partout nicht so funktionieret, wie sie eigentlich sollte. Diese Wendung - ein Zitat des Kabarettisten und Schauspielers Wolfgang Neuß (1923-89) - geht ursprünglich auf den Spruch »Sometime they'll give a war and nobody will come« (Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin) aus dem epischen Gedicht »The People, Yes« des amerikanischen Schriftstellers, Journalisten und Historikers Carl August Sandberg (1878-1967) zurück.

Stell' Dich in die Ecke und schäm' DichIn der Schule war es früher üblich, zur Strafe in der Ecke mit dem Gesicht zur Wand zu stehen und sich zu schämen. Das kam ganz von selbst, da man ja ungeschützt den Blicken der schadenfrohen Mitschüler ausgesetzt war...

Stempeln gehen...mußte noch bis etwa in die 60er Jahre, wer arbeitslos wurde: Das Arbeitslosengeld wurde damals in bar ausbezahlt - wer die Unterstützung abholte, bekam jedesmal einen Stempel als Quittung über die erhaltene Summe in die Papiere.

SternstundeMetapher für Entscheidungen, Taten oder Ereignisse, die schicksalhaft die Zukunft beeinflussen. Entlehnt ist der Begriff der Astrologie, nach der der Stand der Sterne zum Zeitpunkt der Geburt wesentlich den weiteren Lebensweg bestimmt. Umgangssprachlich wird »Sternstunde« auch für ein außergewöhnliches oder glanzvolles Ereignis verwendet.

Steter Tropfen höhlt den SteinAusdauer führt zum Erfolg, Beharrlichkeit zum Ziel - eine Metapher, nach der eine bestimmte Wirkung erzielt wird, wenn man nur hartnäckig und wiederholt Bemühungen in die gleiche Richtung anstellt. Diese Redensart geht auf den griechischen Epiker Choirilos von Samos (5. Jahrhundert a.C.) zurück. In seinem fragmentarischen Gedicht über die Perserkriege heißt es: »Der Tropfen höhlt den Stein durch Beharrlichkeit«. Die lateinische Form »Gutta cavat lapidem« findet sich bei dem römischen Dichter Publius Ovidius Naso (43 a.C.-17) in den »Epistulæ ex Ponto« (IV, 10,5). Später erhielt sie noch die Ergänzung »Non vi, sed sæpe cadendo« (Nicht durch Gewalt, sondern durch häufiges Niederfallen).

StibitzenDer verniedlichende Ausdruck für »stehlen, klauen, auf listige Weise an sich bringen, wegnehmen« ist seit dem 18. Jahrhundert bezeugt und entstammt der Studentensprache. Die genaue Herkunft des Wortes ist unklar, vermutlich wurde es aus »stitzen« für »stehlen« gestreckt.

StichprobeWir testen ein Einzelstück, um daraus Rückschlüsse auf größere Mengen ziehen zu können. Das Wort kommt aus dem frühen Hüttenwesen: Dort werden Hochöfen nach der Schmelze mit einem Anstich geöffnet, sodaß das Metall ausfließen kann. Davon wird zur Qualitätskontrolle eine kleine »Stichprobe« entnommen.

Stielaugen machen...wir, wenn wir etwas besonders Ansprechendes sehen, etwas gierig/neugierig anstarren und neidisch werden. Diesem Synonym für »begehrliche Blicke« liegt die Erkenntnis zugrunde, daß wir bei Verblüffung oder Überraschung Augen und Mund weit aufreißen. Je größer das Erstaunen, desto mehr quellen sprichwörtlich die Augen aus dem Kopf - bis sie an die Stielaugen von Schnecken oder einigen Krebstieren und Insekten erinnern.

Stift...nennt man nicht nur das Schreibgerät oder schon seit dem Mittelalter einen kopflosen Nagel, Dorn, Stachel oder Stengel: Die bis vor einigen Jahren noch gängige umgangssprachliche Bezeichnung für Lehrlinge im Handwerk kommt wohl aus dem Rotwelschen und stand dort für etwas Kleines, Geringwertiges. Übertragen wurde daraus der jüngste Lehrling im Sinne von »kleiner Junge, Knirps«. Bis zur Einführung der allgemeinen Schulpflicht waren Lehrlinge oft erst 14 Jahre oder noch jünger und im Gegensatz zu den recht kräftigen Meistern und Gesellen buchstäblich klein und dünn wie Stifte. Waren ihnen (etwa nach dem ersten Lehrjahr) erste Fertigkeiten und Wissen »eingehämmert« worden, erreichten sie einen besseren Status und standen in der Meisterfamilie höher als Mägde oder Knechte.

StiftengehenJemand weiß, daß er etwas Unrechtes getan hat und hat nun das dringende Bedürfnis, sich zu verdrücken, um möglichen Konsequenzen zu entgehen: Vermutlich waren früher viele Ganoven gleichzeitig auch aufrechte Christenmenschen, die - quasi als Ausgleich für ihre Missetaten - öfters mal in die Kirche kamen, um dort die eine oder andere Kerze zu stiften.
Erstmals belegt ist der Ausdruck in der Soldatensprache des Ersten Weltkriegs: Otto Maußer (Deutsche Soldatensprache. Ihr Aufbau und ihre Probleme. Trübner, Straßburg 1917) hat »stiftengehen« im Sinne von »weggehen, sich entfernen, bei Gefecht sich aus dem Staub machen oder in der Fliegersprache schnell verschwinden, Deckung suchen« dokumentiert.
Im Rotwelschen ist »Stift« ein Kautabak - »stiftengehen« bedeutet hier »Tabak kauen«. Es könnte aber auch sein, daß »stiften« von »stieben« kommt, was im Mittelhochdeutschen neben »wie Staub umherfliegen« auch für »schnell laufen, rennen, fliegen« stand.

Stille Wasser sind tiefDie Auslotung gradientenfreier Gewässer bereitet meßtechnisch gesehen Schwierigkeiten.
Der Ausspruch bezieht sich eigentlich auf introvertierte Menschen, die in ihrer Zurückgezogenheit viele Geheimnisse bewahren und sich nur selten öffnen - man vergleicht ihren Charakter mit einem dunklen, geheimnisvollen See, an dessen Grund Gefahren lauern.
Fließende Gewässer transportieren immer eine Menge Schlamm mit sich und versanden daher (abhängig von der Bodenbeschaffenheit) eher, als daß sie sich in den Boden eingraben. Ein still(stehend)es Gewässer, das vielleicht von einer Quelle gespeist wird, kann sich währenddessen in aller Ruhe immer tiefer in den Boden hineinspülen.
Doch auch der Schauspieler Friedrich Ludwig Schröder (1744-1816) könnte das Sprichwort in Umlauf gebracht haben, als er 1786 eine englische Ehekomödie bearbeitete und unter dem Titel »Stille Wasser sind tief« auf die Bühne brachte.

StinkefingerDiesen ausgestreckten Mittelfinger zeigte längst nicht erst der Fußballer Stefan Effenberg (*1968), um damit während der Weltmeisterschaft 1994 in den USA seine höchste Verachtung für die Provokationen der Zuschauer auszudrücken: Die vulgäre Geste soll schon ein kulturelles Erbe der antiken Hellenen sein - als Erfinder gilt der Philosoph Diogenes von Sinope (um 410-323 a.C.), der Besuchern von Athen, die sich nach dem Redner Demosthenes (384-322 a.C) erkundigten, den Mittelfinger vorgehalten und gerufen haben soll: »Da habt ihr euren Demagogen«.
Später nennt Marcus Valerius Martialis (um 40-104), einer der bedeutendsten Epigrammatiker der Antike, den ursprünglichen »digitus medicinalis« - den »medizinischen Finger«, weil die Ärzte mit dem längsten der Finger Salben auftrugen und am tiefsten in Körperöffnungen eindringen konnten - dann »digitus impudicus« - schamlos, unkeusch und unzüchtig. Seit man in der ausgehenden Antike mit dem Mittelfinger einen Phallus nachahmte, hat - wohl um der »heilenden Hand« des Arztes die Obszönität zu nehmen - der Ringfinger diese ärztliche Aufgabe übernommen.
Dieser Finger soll, wie der holländische Humanist Erasmus Desiderius von Rotterdam (1466-1536) bemerkt, dadurch um seine Ehre gekommen sein, »weil man damit die Hühner begreife, ob sie ein Ei haben, woher er auch der ehrlose Finger genannt werde«.
Andere meinen, den Stinkefinger hätten wir von den Affen: Der ausgestreckte Mittelfinger zeigt Potenz an und soll die Konkurrenz einschüchtern.

Stinken wie ein Hupatz (Wiedehopf)...meint, daß jemand oder etwas ganz besonders unerträglich schlecht riecht. Diese olfaktorischen Wahrnehmungen werden einer Eigenart des Wiedehopfs (Upupa epops) zugeschrieben, zum Schutz vor Nesträubern ein äußerst übelriechendes Bürzelsekret abzusondern, das den Jungvögeln und dem Weibchen während der Brutzeit etwa einen Monat lang zur Verfügung steht: Nähert sich ein Angreifer dem Nest, stemmen die Vögel das Hinterteil hoch und spritzen ihm zielgerichtet ihren Kot, vermischt mit dem übelriechenden Sekret, entgegen.
Schon Ludwig Bechstein (1801-60) schrieb dereinst in seinem Märchen »Rupert der Bärenhäuter«: »Die Leute wichen ihm aus, wenn sie ihn von weitem sahen oder rochen, denn obwohl er keinen Tabak rauchte, so roch er doch schon von weitem viel ärger als ein Wiedehopf, der überhaupt mit Unrecht als Stinkhahn verschrieen ist, denn der Wiedehopf selbst stinkt gar nicht, nur seine Unreinlichkeit und das, womit er umgeht, bringen ihn in so schlimmen Ruf«.
Man kann aber sogar noch viel weiter zurückgehen: Bereits im Buch Leviticus der Bibel gehört der Wiedehopf zu den unreinen Tieren, die man nicht essen dürfe: »Hæc sunt quæ de avibus comedere non debetis et vitanda sunt vobis aquilam et grypem et alietum (...) erodionem et charadrion iuxta genus suum opupam quoque et vespertilionem« - »Vnd dis solt jr schewen vnter den Vogeln, das jrs nicht esset: Den Adeler, den Habicht, den Fischar (...) den Storck, den Reiger, den Heher mit seiner art, die Widhop, vnd die Schwalbe«. (3 Mose 11:13ff)


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StockfinsterEine Erklärung führt auf das »Stockhaus«, das Gefängnis« zurück. In einer alten Redensart sagte man »Es ist so finster wie im Stockhaus«. Allerdings wird in älteren Quellen meist »stickfinster« geschrieben. Das Substantiv »Stick« ist eine ältere Form von »Stich«.

StoffelFrüher ein Synonym für unhöflich, flegelhaft, stur, unfreundlich - einfach für einen groben, derben, beschränkten Menschen, jemanden, der die Zähne nicht auseinander kriegt, kein Benehmen hat, der auch jegliche Mindestanforderungen der Höflichkeit ignoriert - heute allgemein eher für einen introvertierten, schweigsamen, nicht allzu kommunikativen Menschen.
Der Volksmund hat diesen Begriff von »Christoffel«, der Koseform von Christoph(orus) abgeleitet, was so viel bedeutet wie »Träger Christi«: Der heilige Christophorus - einer der 14 Nothelfer und Patron der Schiffer, Fährleute und Autofahrer - wird gegen Wetterschaden und schnellen Tod angerufen. Der tölpelhafte, einfältige, aber gutmütige Riese soll der Legende nach das Christuskind durch einen Fluß getragen haben.

Stoische Ruhe...sagt man oft jemandem nach, der außerordentlich gelassen auftritt, der über eine ausgeprägte Affektkontrolle, die zur Freiheit von Leidenschaften (Apathie), zu Selbstgenügsamkeit (Autarkie) und Unerschütterlichkeit (Ataraxie) führen soll, verfügt.
Die »Stoa« geht auf eine Säulenhalle (stoa poikile) auf der Agora, dem Marktplatz von Athen zurück, die Zenon von Kition (um 333-264 a.C.) als Lehr- und Versammlungsraum benutzte. Sie geht von einer Einheit von Geist und Stoff und nur von einem einzigen wirksamen Prinzip aus: »Alles Wirkliche ist durchdrungen vom Urfeuer, das als Kraft die Dinge zusammenhält und als organisierende Seele Pflanzen, Tiere und Menschen belebt«.

Stolz wie ein Gockel...ist ein Mann, der von vorne bis hinten betüddelt wird und daraufhin allzu sehr von sich überzeugt ist: Der Hahn hat allen Grund, sich etwas auf seine Männlichkeit einzubilden - schließlich ist er mit seinem auffälligen Aussehen und Gebaren der einzige auf seinem Hühnerhof. Allein auf dem Misthaufen mit seiner ganzen Schar Hennen ist er der »Hahn im Korb«.

StoppelhopserDer Begriff kam um 1870 auf und bezeichnet einen Infanteristen. Manöver fanden gewöhnlich im Herbst statt, und zwar auf den abgeernteten, stoppeligen Feldern.

Störe (meine Kreise) nichtNoli turbare (circulos meos). Der griechische Mathematiker und Physiker Archimedes (um 287-212 a.C.) war der Legende nach eines Tages damit beschäftigt, geometrische Figuren in den Sand zu zeichnen, als die Römer anrückten, um ihn festzunehmen. Er war jedoch so sehr in seine Aufgabe versunken, daß er barsch mit diesem Satz reagierte. Dies brachte einen der Soldaten so in Zorn, daß er den alten Mann erschlug.

Störenfried...nennen wir umgangssprachlich einen Unruhestifter und Nörgler, einen Quälgeist, der andauernd absichtlich unsere Ruhe und Konzentration behindert. Das an verschiedene Vornamen angelehnte Wort, das schon im 16. Jahrhundert belegt ist, erklärt sich von selbst: Der »Störenfried« stört ganz einfach unseren Frieden.

StörgeherUm Kathrein (25. November) begann in Altbayern früher die Zeit der sogenannten »Störgeher«: So nannte man fachlich gut ausgebildete Handwerker und Meister, die samt Handwerkszeug für einen Tag oder länger auf einen fremden Hof gingen und dort arbeiteten. Der Schneider wurde beispielsweise gerufen, wenn eine Hochzeit vorbereitet werden mußte, der Schuster besserte alte Schuhe aus und paßte neue an, der Weber wob Teppiche. Wenn die Handwerker von weither kamen, erhielten sie auf den Höfen Unterkunft und Verpflegung. Der Begriff wird oft auf eine Störung der Zunftordnung zurückgeführt oder auch auf eine Störung des Tagesablaufes im Haus des Arbeitgebers.

StraßenfegerUmgangssprachlicher Ausdruck für Medienereignisse, die die Straßen leeren, weil die Menschen vor dem Fernseher sitzen. Die ersten »Straßenfeger« waren (noch im Radio) die Hörspiele mit Detektiv Paul Temple, bald darauf folgten die entsprechenden Durbridge-Verfilmungen in den 1960er Jahren in der ARD: Im Januar 1962 stellte das sechsteilige Fernsehspiel »Das Halstuch« mit Heinz Drache als Inspektor Harry Yates mit Einschaltquoten um 80% alles bisher dagewesene in den Schatten und bannte die ganze Nation vor die Flimmerkisten. Wer damals noch keinen eigenen Fernseher hatte, lud sich kurzrehand beim Nachbarn ein und die Straßen waren buchstäblich »leergefegt«.

Strippenzieher...nennen wir heute meist scherzhaft einen Elektriker oder Elektroniker, der von Berufs wegen pausenlos Kabel zu verlegen hat. Ursprünglich ging es hier jedoch um jemanden, der heimlich im Hintergrund alles überschaute, lenkte und leitete. Was wir heute neudeutsch eher als »Lobbyist« charakterisieren würden, war einst eine umgangssprachliche Anspielung auf die Marionettenspieler, die ihre Puppen über »Strippen« bewegten.

Strohfeuer...lodern sinnbildlich so schnell, wie sich ein Bündel Stroh entzündet und lichterloh brennt. Ein Feuer, das länger brennen soll, braucht schon andere Grundstoffe.

Strohmann...war ursprünglich ganz einfach die wörtliche Übersetzung des französischen Begriffs »homme de paille« für die gewöhnliche »Vogelscheuche«. Erst später wurde daraus auch im übertragenen Sinne ein vorgeschobener Geschäftsmann verstanden.

Strohwitwer...nennt der Volksmund einen Mann, der zwar verliebt, verlobt, verheiratet - vorübergehend aber ganz alleine ist: Dabei kann es sich um mehrere Monate oder nur um ein paar Stunden handeln - derzeit ist er alleingelassen, hat niemanden, der nachts den Strohsack (das Bett) mit ihm teilt, genießt aber auch einige Freiheiten. Zumindest bis Mutti wieder zuhause ist...
Der Ursprung des Begriffs ist nicht eindeutig geklärt: Manche meinen, er entstamme einer Analogie aus dem 14. Jahrhundert, nach der die »strôbrût« - mittelhochdeutsch die »Strohbraut« - für eine ledige Mutter stand, die - »im Stroh« geschwängert - bei der Hochzeit nicht den obligatorischen Myrten-, sondern nur einen Strohkranz tragen durfte.
Andere sehen den Ursprung in der Landwirtschaft des 16./17. Jahrhunderts, als zahllose junge Bauern durch die Lande reisten, um sich auf großen Höfen als Hilfsarbeiter zu verdingen. Deren Frauen, die in der Heimat auf ihre Rückkehr warteten, nannte man landläufig »Strohwitwen«.
Auch Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) läßt in »Faust - Der Tragödie erster Teil« seine Marthe in der Nachbarin Haus klagen:

 »Gott verzeih's meinem lieben Mann,
  Er hat an mir nicht wohl getan!
  Geht da stracks in die Welt hinein
  Und lässt mich auf dem Stroh allein.
  Tät ihn doch wahrlich nicht betrüben,
  Tät ihn, weiß Gott, recht herzlich lieben«.

StümperDer Begriff für einen Pfuscher kommt aus dem Zunftwesen: Ein »stümpler« war ein Handwerker, der nicht zünftig gelernt hatte und daher angeblich mit stumpfem Werkzeug herumdilettierte. In den Zunftordnungen wurde Stümpern und Pfuschern angedroht, ihr Handwerkszeug und ihre Arbeiten zu konfiszieren. Der Grund dafür war vor allem, daß sie die Zunftpreise unterboten, und das konnten die Jungs damals wie heute so gar nicht leiden.

Stupsnase...sagt der Volksmund zu einer kurzen, leicht nach oben gebogenen Nase, die fast ein bißchen so aussieht, als hätte sie einen »Stups«, einen leichten Schlag, einen Klaps oder Hieb abbekommen, der sie etwas verbogen hat. Eine zu groß geratene Stupsnase nennt man »Himmelfahrtsnase«.

Stur wie ein Esel Dummheit, Faulheit und Starrsinn werden dem treuen Packtier schon seit der Antike nachgesagt, oder besser angedichtet. Die vorherrschende Meinung, Esel seien stur, haben die Menschen sich einfallen lassen, weil sie neben sich kein Tier dulden, das denken kann. Esel sind eigentlich gar nicht stur, sondern bloß vorsichtig. Sie stammen ursprünglich aus gebirgigen Wüstenregionen und sind, anders als das Steppentier Pferd, keine reinen Fluchttiere. Im Gebirge wäre eine unüberlegte Flucht oft tödlich, daher warten Esel ab, bis die Gefahr vorüber ist und gehen erst dann weiter.

Sturm im WasserglasSchon der römische Politiker, Philosoph und Redner Marcus Tullius Cicero (106-43 a.C.) prägte den Ausdruck »Excitare fluctus in simpulo« (Stürme im Schöpflöffel erregen) für viel Aufregung um eine banale Angelegenheit. In Honoré de Balzacs (1799-1850) »Le Curé de Tours« (1832) beschreibt Baron de Montesquieu (1689-1755) Wirren in der Zwergrepublik San Marino als »une tempete dans un verre d'eau«, Bruno Frank (1887-1945) wurde 1930 zu seiner Hundekomödie »Sturm im Wasserglas« inspiriert, als der Münchner Stadtrat 1928 gegen den erklärten Willen der empörten Bürgerschaft die Erhöhung der Hundesteuer durchsetzen wollte. Seine Satire gegen die bornierte Engstirnigkeit der Bürokraten kolportiert die politischen Ränkespiele in einer süddeutschen Stadt. Verfilmt 1936 in Großbritannien und 1960 in Deutschland unter der Regie von Josef von Baky (1902-66) sorgte das Stück für erneute Verbreitung des Ausdrucks. Im Jahre 1991 schrieb Herbert Dreilich (1942-2004) von der Gruppe »Karat« auch noch einen Titel unter diesem Namen.

Sturm- und DrangzeitDie Zeit in unserer Jugend, in der wir es besonders toll getrieben haben, geht auf eine Epoche der deutschen Literatur, diese wiederum auf ein gleichnamiges Drama Friedrich Maximilian Klingers von 1776 zurück: Die Erneuerungsbewegung des »Sturm und Drang« von etwa 1765 bis 1790 richtete sich gegen die herrschende Ständeordnung und die erstarrten sozialen Konventionen. Viele Dichter stellten sich und ihre Gefühle, ihre Naturverbundenheit, aber auch die Nöte des Volkes in den Mittelpunkt ihres Schaffens.

Sturmfreie Bude...meinte in der Jugendsprache der 1970er, daß die Eltern die »Bude« nicht »stürmen« konnten, indem sie zu früh nach Hause kamen. Das dann drohende »Unwetter« kommt wohl ursprünglich aus dem Militär: Manch vermeintlich unbezwingbare Festung mußte zunächst »sturmreif« geschossen werden. Ein Haus, das leer ist, kann hingegen ohne nennenswerten Widerstand eingenommen werden, man hat freie Bahn, nichts steht dem im Wege, was einen potentiellen Angreifer aufhalten könnte, niemand kann einen daran hindern, zu tun, was man will.

Suchet, so werdet ihr findenAuf den ersten Blick hat sich Jesus schlicht geirrt, als er auf den Berg stieg und solche Weisheiten dem Volk predigte, doch auf den zweiten Blick ist die Sache viel komplizierter. Der Messias denkt bei seiner programmatischen Rede nicht an irgendwelche Suchaktionen, sondern an die rechte Haltung im Gebet. Seine Jünger sollen sich an Gott, und damit an die richtige Stelle, wenden, und darauf vertrauen, das ihnen Nötige zu erhalten. Jesus veranschaulicht diese Botschaft wie häufig mit alltagsnahen Beispielen: »Petite et dabitur vobis quærite et invenietis pulsate et aperietur vobis omnis enim qui petit accipit et qui quærit invenit et pulsanti aperietur«. - »Bjttet, so wird euch gegeben, Suchet, so werdet jr finden, Klopffet an, so wird euch auffgethan. Denn wer da bittet, der empfehet, Vnd wer da suchet, der findet, Vnd wer da anklopfft, dem wird auffgethan«. sagt der Menschensohn im Matthäusevangelium 7.7f. Jesu geistliches Suchwort schrumpft heute freilich oft zum profanen pädagogischen Appell, sich bei einer Suche anzustrengen.

Sudel-EdeSpöttisch für Karl-Eduard von Schnitzler (1918-2001), Chef-Kommentator der Propagandasendung »Der schwarze Kanal« im DDR-Fernsehen. Dieser Spitzname geht wohl auf seinen SFB-Gegenspieler Günther Lincke zurück, der den Begriff Anfang Februar 1961 in seiner Sendung »Mitteldeutsches Tagebuch« geprägt haben soll. In politischen Witzen war »Sudel-Ede« auch als »Karl-Eduard von Schni« bekannt, weil jeder auf einen anderen Sender umschaltete, noch bevor der Name ganz ausgesprochen werden konnte.

SündenbockWohl nie eine bedrohte Spezies - sobald irgendwas schiefgeht, beginnt sofort die Suche nach einem solchen: Ein allzumenschlicher Zeitvertreib, allerdings trifft es selten den eigentlichen Verursacher, sondern einen »Sündenbock« aus der zweiten Reihe. Hinter dem Ausdruck steckt ein Ritual aus biblischen Zeiten: Der zornige Gott mußte durch Opfer besänftigt werden. Zum Versöhnungsfest wurde ein Ziegenbock ausgewählt, durch Handauflegen eines Hohepriesters mit allen Sünden des Volkes versehen und »in die Wüste geschickt«, wo er starb und alle Verfehlungen der Menschen mitnahm. Im Alten Testament, Levitikus 16.9f heißt es dazu: »Cuius sors exierit Domino offeret illum pro peccato. Cuius autem in caprum emissarium statuet eum vivum coram Domino ut fundat preces super eo et emittat illum in solitudinem«. - »Vnd sol den Bock auff welchen des Herrn los fellet opffern zum Sündopffer. Aber den Bock auff welchen das los des ledigen fellet sol er lebendig fur den Herrn stellen das er jn versüne vnd lasse den ledigen Bock in die wüste«.

Süßholz raspeln...wir, wenn wir das Herz einer Dame erobern wollen, ihr Komplimente, den Hof machen. Vermutlich ist die Redensart von Studenten im 19. Jahrhundert geprägt worden, aber schon bei Hans Sachs (1494-1576) heißt es »süßes Holz ins Maul nehmen« im Sinne von »süße, wohlklingende Rede«. Schon Hildegard v. Bingen (um 1098-1179) meinte, daß die Einnahme von Süßholz den Menschen milde stimmen würde. Das »Süßholz«, das hier »geraspelt« wird, ist eine Pflanze, die in etwa 20 Arten am Mittelmeer, in Asien, Australien und dem amerikanischen Kontinent beheimatet ist. Die bekannteste Art ist die Lakritze (Glycyrrhiza glabra), aus deren getrockneten Wurzeln mithilfe des »Süßholzraspelns« die beliebte Süßigkeit, aber auch Kräuterlikör und Arzneitee hergestellt wird.


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