3869 Sprichwörter, Redewendungen, Idiome, geflügelte Worte



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U

Üb' immer Treu und Redlichkeit...ist eins dieser schier unverwüstlichen Zitate aus »Kaisers Zeiten«, von denen man oft meint, sie hätten längst ausgedient. Aber weit gefehlt: So scheinbar altmodische Begriffe wie Treue und Redlichkeit, Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit sind längst wieder wichtige Tugenden geworden.
Das Zitat, das einst in keinem Poesiealbum fehlen durfte, stammt aus dem Gedicht »Der alte Landmann an seinen Sohn« von Ludwig Heinrich Christoph Hölty (1748-76), welches von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-91) auf die Melodie »Ein Mädchen oder Weibchen« aus der Oper »Die Zauberflöte« vertont wurde und findet sich gleich in der Anfangszeile:

 »Üb' immer Treu und Redlichkeit.
  Bis an Dein kühles Grab.
  Und weiche keinen Finger breit.
  Von Gottes Wesen ab«.

Über allen Wipfeln ist RuhOberhalb der Kulminationspunkte forstwirtschaftlicher Bestände tendieren die Dezibelwerte gegen den Nullpunkt.

Über den Berg sein...heißt, eine schwere Krankheit ist überwunden. Die Wendung greift das Bild einer beschwerlichen Wanderung auf, bei der man einen steilen Berg unter großer Anstrengung bezwingen muß. Hat man den Gipfel erreicht, ist das Schlimmste überstanden, man hat es leichter, ist über den Berg.

Über den Daumen peilenDiese ungefähre Schätzung kommt vom sogenannten »Daumensprung«: Dabei streckt man einen Arm aus, hebt den Daumen und peilt mit dem rechten Auge über den Daumen das Ziel an. Blickt man dann mit dem linken Auge über den Daumen - das jeweils andere bleibt geschlossen - ist der Daumen nach rechts gesprungen. So oft, wie der Daumen ins Ziel paßt, mal zehn, ergibt eine (sehr grobe) Entfernungsangabe.

Über den grünen Klee loben...wir jemanden so uneingeschränkt, grundlos und übertrieben möglicherweise deshalb, weil Gräber und Friedhöfe einst oft mit Klee bepflanzt waren: Die Toten lagen also unter dem Klee begraben und ein Lob über einen Verstorbenen fällt ja bekanntlich meist bedeutend besser aus, als über einen Lebenden. »De mortuis nil nisi bene« - Über die Toten (rede) nur wohlwollend - meinte schon Chilon von Sparta um 555 a.C.
Der Duden vermutet den Ursprung in der mittelhochdeutschen Dichtung: »Ich saß auf einer grünen Höh, da sprossen Blumen und der Klee« heißt es bei Walther von der Vogelweide (um 1170-1230); auch Wolfram von Eschenbach (um 1160-1220) verfaßte in seinen Versen wahre Lobeshymnen auf den »grünen Klee«, den die Minnesänger mit Frische und Frühling gleichsetzten.
Die Gebrüder Grimm gebrauchen in ihrem Märchen »Die vier kunstreichen Brüder« diese Wendung: »›Ja,‹ sprach der Alte zu seinen Söhnen, ›ich muß euch über den grünen Klee loben, ihr habt eure Zeit wohl benutzt und was Rechtschaffenes gelernt‹.« Auch der österreichische Schriftsteller und Philologe Alois Brandstetter (*1938) beschreibt in seinem Buch »Über den grünen Klee der Kindheit« (1982) die Beschönigung der Vergangenheit in der Erinnerung.

Über den Haufen schießenIm Spätmittelalter, als man Truppenteile »Haufen« nannte, schoß der Landsknecht rücksichtslos in dieselben - die Getroffenen lagen ungeordnet herum, waren »über den Haufen geschossen«. Heute können wir, davon abgeleitet, auch jemanden »über den Haufen fahren« oder »werfen«

Über den Jordan gehen ...heute hin und wieder technische Geräte und sind kaputt. Früher noch als Umschreibung für den Tod eines Menschen gebraucht, gilt die Redewendung heute aber als respektlos.
In der griechischen Mythologie mußte man den unterirdischen Fluß »Styx« überqueren, um ins Totenreich zu gelangen. Auch in der christlichen Religion gibt es Strömungen (Pietisten), die einen ähnlichen symbolischen Übergang ins Himmelreich sehen: Nach vielen Jahren Wüstenwanderung stehen die Israeliten am Jordan vor dem »Gelobten Land«. Gott läßt ein Wunder geschehen, indem er die Wassermassen aufhält: »Populus autem incedebat contra Iordanem et sacerdotes qui portabant arcam foederis Domini stabant super siccam humum in medio Iordanis accincti omnisque populus per arentem alveum transiebat« - »Vnd die Priester, die die Laden des Bunds des Herrn trugen, stunden also im trocken mitten im Jordan. Vnd gantz Jsrael gieng trocken durch, bis das gantze volck alles vber den Jordan kam«. (Josua 3:17).
Die Verbindung zum Sterben kommt wohl daher, daß Moses kurz zuvor tatsächlich stirbt und dabei über das fruchtbare Jordantal blickt. Wer also stirbt und »über den Jordan« geht, hat es gut...

Über den Löffel (Schemel) balbierenDie Gaunersprache meint damit, jemanden zu übervorteilen, unsanft zu behandeln, zu betrügen. Der Schemel, ein löffelartiges Instrument des Barbiers, hat nichts mit dem Hocker zu tun: Um eine gründliche Rasur zu ermöglichen, wurde er alten, zahnlosen Männern mit eingefallenen Wangen in den Mund geschoben, um die nötige Wölbung und Spannung auf der Wange zu erzeugen.

Über den Tellerrand hinausschauen...heißt offen zu sein für Neues, Ungewohntes, für neue Eindrücke, einen weiten Horizont, die »große weite Welt«. Spezielle Kinderstühle und -tische sind eine relativ neue Erfindung - früher auf normalen Stühlen konnten die Kleinen geradeso auf die Tischplatte schauen. Erst mit einer gewissen Größe war es ihnen möglich, auf oder über ihren Teller zu sehen. Sie hatten an Größe, Reife und Erfahrung gewonnen.

Über den Tisch ziehen...wir jemanden, den wir trickreich übervorteilen, benachteiligen, betrügen: Als in der »guten alten Zeit« an elektronische Taschenrechner noch längst nicht zu denken war, unsere Vorfahren noch nicht einmal schriftlich rechneten, bewährte sich ein System mit Rechensteinen oder Münzen, die auf Linien unterschiedlicher Wertigkeit wie bei einem Abakus auf dem Tisch hin- und hergeschoben wurden. Verschob der Rechnende die Steine innerhalb dieser Linien ein wenig zu seinen Gunsten, wurde das Gegenüber »über'n Tisch gezogen«. Eine weitere Deutung legt dieser Wendung den bayerischen Volkssport »Fingerhakeln« zugrunde, bei dem sich zwei »g'standene Mannsbilder« an einem Tisch gegenübersitzen, jeweils einen Mittelfinger ineinander verhaken und versuchen, den anderen mit Kraft und Überwindung des Schmerzes zu sich herüberzuziehen. Eine entsprechend ausgefeilte Technik kann hier den Ausschlag geben, wer letztendlich »über'n Tisch gezogen« wird.

Über die Hutschnur gehen...ist eine humoristische Variante des Ausdrucks »Das steht mir bis zum Hals«. Die Hutschnur - ein schmales Gummiband oder auch eine breite, unter dem Kinn gebundene Schleife - sollte den Hut am wegfliegen hindern.
Eine weitere Version, »Da platzt mir die Hutschnur«, geht auf das Anschwellen der Zornesadern bei einem Wutausbruch zurück; eine völlig andere Deutung kommt von den ersten Wasserleitungen, die noch nicht wie heute mit Druck, sondern ausschließlich mit Schwerkraft funktionierten. Das hatte zur Folge, daß, entnahm der erste viel Wasser, für den letzten kaum etwas übrigblieb. Um dies zu ändern, einigte man sich im 14. Jahrhundert auf ein einheitliches Maß, das praktischerweise, da damals Hüte samt der Hutschnuren weit verbreitet waren, auf diese festgelegt wurde. Jeder durfte nur soviel Wasser entnehmen, daß der Strahl die Dicke einer Hutschnur nicht überschritt. Was zuviel war, ging »über die Hutschnur«.

Über die Klinge springen lassen...heißt heute, man verrät einen anderen Menschen, bringt ihn in Schwierigkeiten, läßt ihn fallen oder richtet ihn gar vorsätzlich zugrunde - man opfert ihn für den eigenen Vorteil. Diese Redensart war einst wörtlich zu nehmen: Im Mittelalter war es üblich, daß viele Menschen für eher geringe Vergehen zum Tode verurteilt und umgehend durch den Henker hingerichtet wurden. Eine gängige Art der Vollstreckung war das Abschlagen des Kopfes mittels einem Schwert, der so sprichwörtlich »über die Klinge sprang«. Eine andere Deutung sieht den Ursprung in der Soldatensprache, wobei der Gegner eines Fecht- oder Schwertkampfes ein oft ähnlich letales Schicksal erlitt. Die ältesten Belege aus dem 15./16. Jahrhundert, unter anderem von Martin Luther (1483-1546), bevorzugen noch die Form »den Kopf über eine kalte Klinge hüpfen lassen«.

Über die Runden kommen...muß man ursprünglich im Faustkampf: Wenn ein chancenloser Boxer allzuviel einstecken muß, kann sein Sekundant zwar »das Handtuch werfen« - besser für sein künftiges Ansehen ist aber allemal, die restlichen Runden durchzuhalten, nach Möglichkeit direkten Kontakt mit dem Gegner zu vermeiden und zu hoffen, daß der Kampf möglichst schnell vorübergeht. Übertragen bedeutet die Redensart, mit begrenzten (finanziellen) Mitteln auszukommen oder allgemein Schwierigkeiten und Mühen zu meistern.

Über die Stränge schlagen...wir in ausgelassener Stimmung, wenn wir zu weit gehen, übertreiben, uns etwas anmaßen oder herausnehmen, was in der augenblicklichen Situation nicht ganz angemessen erscheint. Das Bild stammt von übermütigen oder unwilligen Kutschpferden, die - gerade im Frühjahr, nachdem sie den ganzen Winter über lange im Stall gestanden haben - mit den Hinterbeinen über das Geschirr, die Zugstränge auskeilen. Die Redensart ist schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts in der Form »über die Stränge treten«, später dann »über die Stränge ausschlagen« bezeugt.

Über die Wupper gehen...heißt, es ist für immer vorbei, das Leben ist zu Ende, nichts geht mehr. Für diese Redensart gibt es zwei Erklärungen: Das Wuppertaler Amtsgericht lag auf einer Insel inmitten der Wupper und war also nur über eine Brücke erreichbar, die über den Fluß führte. Wurde jemand zur Verurteilung oder gar zur Hinrichtung geführt, mußte er zum zuständigen Gericht »über die Wupper gehen«.
Die andere Deutung: Bis Mitte des 18. Jahrhunderts reichte die preußische Grafschaft Mark bis an diesen Nebenfluß des Rheins heran. Um der Zwangsrekrutierung durch Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) zu entgehen, ging ebenfalls so mancher »über die Wupper« ins Exil im nahen Herzogtum Berg und war so nicht mehr zu erreichen.

Über einen Kamm scheren...drückt aus, daß jemand alles unterschiedslos behandelt und nicht differenziert - eine unzulässige Gleichmacherei: Ein Barbier, der der Einfachheit halber all seinen Kunden denselben Haarschnitt verpaßte, scherte sprichwörtlich alle »über einen Kamm«. Auch diese alte Redewendung - die wohl ursprünglich schon aus dem 16. Jahrhundert stammt - ist angesichts ewiggleicher uniformer »Modefrisuren« heute aktueller denn je...

Über seinen eigenen Schatten springen...kann eigentlich niemand - jeder hat seine natürlichen Grenzen, die er auch bei allerbestem Willen nicht zu überwinden vermag. Manchmal versuchen wir wohl, aus liebgewordenen Gewohnheiten auszubrechen, uns zu überwinden, für die gute Sache einen persönlichen Grundsatz zu ignorieren. Dennoch werden wir trotz aller Anstrengung manches nicht fertigbringen, das unserer eigenen Persönlichkeit nicht entspricht - egal wie lange wir unserem eigenen Schatten hinterherrennen.

Über Stock und Stein...ging es schon um 1300 in dieser Alliteration zu Waldwegen, auf denen Wurzelstöcke und Steine den Weg für die Wanderer unbequem machen. Deutungen über Grenzmarkierungen (Steine und Stöcke) wären allerdings auch möglich.

Über's Knie brechen...wir etwas, das wir übereilt erledigen, schnell abtun, nur flüchtig bearbeiten. Diese Wendung geht auf die Art und Weise zurück, in der man dürres Reisig zum Feuermachen zerkleinert: Man nimmt ein Bündel in beide Hände und schlägt dieses auf den Oberschenkel. Die entstandenen Stücke sind selten gleich lang - aber es geht schnell, man muß nicht extra eine Axt oder Säge zu Hilfe nehmen und für die geplanten Zwecke reicht das völlig. Ein Verfahren, das nur bedingt empfehlenswert ist, wenn komplexere Aufgaben zu erledigen sind.

Über's Ohr hauen...bedeutet heute »jemanden betrügen« und stammt ursprünglich aus der Fechtsprache der studentischen Burschenschaften: Beim »Mensurfechten« trugen die Gegner Schutzkleidung - Schlagarm, Körper und Hals waren in starkes Leder eingepackt. Eigentliches Ziel der Fechter war, den Rivalen in der unteren Gesichtshälfte zu verletzen, ihm sogenannte »Schmisse« beizubringen. Ein gezielter Hieb der Klinge oberhalb der Ohren wurde als Regelverstoß angesehen - gleichwohl führte der vernichtende Schlag schließlich zum Sieg und später zur Bedeutung des »Betrügens«.

Über's Ziel hinausschießen...konnten wir in der Schützensprache seit dem 17. Jahrhundert: War ein Schütze zu eifrig und spannte den Bogen zu stark, flog der Pfeil weit über das Ziel hinaus. Eine frühere Variante dieser Wendung war »über den »Zweck« (den Pflock inmitten der Scheibe) schießen«.

Überkandidelt...kommt vom norddeutschen »kandidel« (vergnügt, angeheitert). Dieses geht wiederum auf das lateinische »candidus« zurück, was »glücklich, fröhlich«, aber auch »strahlend, weiß, hell, heiter, hübsch, glänzend« bedeutet. Der »candidatus« ist der mit einer weißen Toga bekleidete Amtsbewerber. Hiermit erklärt sich auch die Verwandtschaft mit dem »Kandidaten«.

Übung macht den Meister...erklärte uns bereits der berühmte römische Redner Marcus Tullius Cicero (106-43 a.C.) mit den Worten: »Usus magister est optimus« (Übung ist der beste Meister). Ähnlich formulierte es später Publius Cornelius Tacitus (58-120) in seiner »Germania«: »Exercitatio artem parat« - sinngemäß »Geübtheit führt zur Kunstfertigkeit«.
Davon abgeleitet kennen wir zahlreiche ähnliche Sprichwörter wie »Lehre bildet Geister, doch Übung macht den Meister«, »Früh übt sich, wer ein Meister werden will« oder »Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen«. Es gibt freilich immer wieder Naturtalente, die praktisch aus dem Nichts eine Bilderbuchkarriere hinlegen, aber etwas Übung kann eine mäßigere Intelligenz in aller Regel durchaus wettmachen - umgekehrt kann eine hohe Intelligenz aber fehlendes Wissen längst nicht kompensieren.

Um den Bart gehen...wir jemandem, den wir um einen Gefallen bitten, ihm schmeicheln, ihn loben wollen: Nach altgermanischer Vorstellung war der Bart wichtigster Teil des Gesichts - wer diesem Zeichen männlicher Würde und Macht schmeichelte, wollte damit die Person ehren. In Homers Ilias setzt sich die Göttin Thetis neben ihren Göttervater Zeus »und berührt ihn unter dem Kinn mit der Rechten« (1. Gesang 501), um ihn so für sich zu gewinnen und um die Unsterblichkeit für Achilles zu bitten. Auch im mittelhochdeutschen »Kudrun-Epos«, das wahrscheinlich etwa um 1230 bis 1250 im bayerisch-österreichischen Raum entstand, geht die Tochter ihrem Vater »um den Bart«.

Um die Ecke bringenStammt aus der Ganovensprache und geht auf die alte Tradition zurück, an dunklen Straßenecken seinem Opfer aufzulauern. Alsdann wurde das Opfer in eine noch dunklere Seitenstraße gebracht, wo man es in aller Ruhe ausrauben oder Schlimmeres machen konnte.

Um ein Auge war die Kuh blind...sagt - möglicherweise abgeleitet von dem alten Kinderspiel »Blinde Kuh« - der Karten- oder Würfelspieler, wenn ihm ein »Auge« (ein Punkt) zum Gewinn fehlt.

Um Kaisers Bart streiten...wir uns gelegentlich mit jemandem über eine völlig unwichtige Sache - ursprünglich aber um den Ziegenbart! Der römische Dichter Quintus Horatius Flaccus (65-8 a.C.) belustigte sich in seinen »Epistulæ« über die Streitfrage, ob man denn Ziegenhaare auch als Wolle bezeichnen dürfe. »De lana caprina rixari« (um Ziegenwolle streiten) wurde irgendwann volksetymologisch umgedeutet.
Andere meinen: Karl den Großen (747-814) kannten nur wenige seiner Untertanen von Angesicht. Da es in seiner langen Herrschaft diverse Amtssiegel gab, die ihn mal mit, mal ohne Bart zeigten, könnte man schon darüber streiten, ob nun der Kaiser wirklich einen Bart hatte. Irgendwann verlor man das Interesse an der Frage - weshalb auch »um des Kaisers Bart streiten«...

Um Kopf und Kragen reden...war früher durchaus wörtlich zu nehmen: In der Tat ging es um eine drohende Hinrichtung durch Strang oder Henkersbeil als Strafe für lästerliches Reden über kirchliche oder weltliche Autoritäten. Den »Kragen« benutzte man einst auch als Synonym für den Hals.

Um Längen voraus...sind wir der Konkurrenz, wenn wir eine Aufgabe wesentlich besser und schneller erledigen als andere. Diese Wendung kommt aus dem Rennsport: Gewinnt ein Boot eine Regatta mit einem Vorsprung von mehreren Bootslängen, ist den anderen »um Längen voraus«. Auch im Galoppsport kommt der Sieger oft um mehrere Pferdelängen früher ins Ziel.

Umgarnen...lassen wir uns nur zu gern von Menschen, die uns schmeicheln, Komplimente oder gar den Hof machen, die versuchen, uns für sich zu gewinnen: Schon im Mittelalter konnte man gut Karriere machen, indem man jemanden kräftig »umgarnte«, in seine Netze lockte. Das »Garn« stand einst synonym für Fischer- oder Vogelnetze, die natürlich aus Garn gefertigt wurden. Wollte man also einen Menschen für sich »einfangen«, nahm man kein fertiges Netz, sondern spann es sinnbildlich Stück für Stück um ihn herum. Auch Spinnen »umgarnen« ihr Opfer, wenn es sich erst in ihrem Netz verfangen hat.

Umgekehrt wird ein Schuh draus...sagen wir scherzhaft, wenn jemand etwas falsch, gerade entgegengesetzt anfängt.
Schon der Reformator Martin Luther (1483-1546) schreibt: »Kehren aber den schuch umb, und lehren uns das gesetz nach dem evangelio, und den zorn nach der gnade« (Briefe, V, 154); in dem niederdeutschen Fastnachtsspiel vom »Claws Bur« heißt es: »Her Fiscal, keret dat umme, so wert it en got Scho« (V. 374).
Um an die versteckten Nähte im Inneren zu gelangen, wurde der Schuh einst - als er noch von fleißigen Handwerkern gefertigt und nicht billig aus Plastik gegossen wurde - tatsächlich gewendet; nach den ersten Nähten auf der Rückseite des Leders mußte der Schuh umgekehrt werden, wenn was draus werden sollte. In der heutigen Form ist die Redensart seit 1745 bezeugt.
Übrigens: Auch unser »Turnschuh« geht auf dieses Verfahren zurück. Der Name hat eigentlich nämlich nichts mit der Sportart »Turnen« zu tun, sondern kommt vom englischen »to turn« - umdrehen, wenden.

UmrubelnGeld (Ost gegen West) tauschen, ummünzen

Unbeleckt...von jeglichem Sach- und Fachwissen gibt sich manch Zeitgenosse, der keinerlei Erfahrungen oder Kenntnisse auf einem Gebiet habend, von höherer Bildung und Kultur gänzlich unberührt, dennoch zu Allem und Jedem seine Meinung kundtut. Der Begriff geht auf einen alten Volksglauben zurück: Man glaubte einst, daß ein winziges Bärenjunges nach der Geburt noch gar kein »richtiger« Bär sei und die Bärenmutter es erst in die spätere Form »zurechtlecken« müsse.

Unbescholten...ist jemand, der niemals rechtskräftig verurteilt wurde, keine Vorstrafen hat. Das Wort geht auf die mittelalterlichen »Scheltbriefe« zurück, in denen man Menschen recht drastisch verschiedener Vergehen beschuldigte. Jeden - selbst Adlige und Fürsten - konnte es treffen, daß diese Briefe am Rathaus oder am Pranger aushingen, bis die »bescholtene« Person die Vorwürfe vor Gericht entkräften konnte.

Unchristliche Zeit...nennen nicht nur Atheisten die Stunden am frühen Morgen oder spät in der Nacht, zu denen wir einfach nur müde und für nichts so recht zu begeistern sind. Die Einteilung in »christliche« und »unchristliche« Zeit hängt mit der vormittelalterlichen Zeitmessung zusammen: Der Tag war in jeweils 12 Tages- und Nachtstunden aufgeteilt, die allerdings je nach Jahreszeit unterschiedlich lang ausfielen. Der »Tag« dauerte von Sonnenauf- bis -untergang, in dieser Zeit wurden die Glocken geläutet, Messen gehalten, alles war geregelt und es war erste Christenpflicht, zu arbeiten und zu beten. Des Nachts wurde natürlich geschlafen und man konnte seine christlichen Aufgaben zu dieser »unchristlichen Zeit« nicht erledigen.

Und darum wird beim Happy-End im Film jewöhnlich abjeblendt...erklären wir manchmal, wenn das Ende einer Sache offenbleiben soll, wir nicht wissen - oder verraten -, wie es weitergeht. Das »Glückliche Ende« kommt ursprünglich aus dem Kintopp, durfte aber auch in Romanen oder Märchen selten fehlen.
Der große deutsche Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky (1890-1935) veröffentlichte unter dem Pseudonym »Theobald Tiger« in »Die Weltbühne« vom 01.04.1930 (№ 14, S. 517) sein Gedicht »Danach«:

 »Es wird nach einem happy end
  Im Film jewöhnlich abjeblendt.
  Man sieht blos noch in ihre Lippen
  den Helden seinen Schnurrbart stippen -
  da hat sie nu den Schentelmen.
  Na, un denn - ?

  Denn jehn die beeden brav ins Bett.
  Na ja... dißis ja auch janz nett.
  A manchmal möcht man doch jern wissn:
  Wat tun se, wenn sie sich nich kissn?
  Die könn ja doch nich imma penn...!
  Na, un denn - ?

  Denn säuselt im Kamin der Wind.
  Denn kricht det junge Paar 'n Kind.
  Denn kocht sie Milch. Die Milch looft üba.
  Denn macht er krach. Denn weent sie drüba.
  Denn wolln sich beede jänzlich trenn...
  Na, un denn - ?

  Denn is det Kind nich uffn Damm.
  Denn bleihm die beeden doch zesamm.
  Denn quäln se sich noch manche Jahre.
  Er will noch wat mit blonde Haare:
  vorn doof und hinten minorenn...
  Na, un denn - ?

  Denn sind se alt.
  Der Sohn haut ab.
  Der Olle macht nu ooch bald schlapp.
  Vajessen Kuß und Schnurrbartzeit -
  Ach, Menschenskind, wie liecht det weit!
  Wie der noch scharf uff Muttern war,
  det is schon beinah nich mehr wahr!
  Der olle Mann denkt so zurück:
  wat hat er nu von seinen Jlück?
  Die Ehe war zum jrößten Teile
  vabrühte Milch und Langeweile.
  Und darum wird beim happy end
  im Film jewöhnlich abjeblendt.«

Und die Moral von der Geschicht'Haben wir ein Buch gelesen oder einen Film gesehen, ziehen wir oft ein kurzes Fazit, was es uns gebracht hat, was wir gelernt haben, was die eigentliche Botschaft war. Die Wendung geht auf Wilhelm Busch (1832-1908) zurück, der in seiner Bildergeschichte »Das Bad am Samstagabend« zwei Knaben in eine Badewanne steckt, wo sie ein mittleres Chaos anrichten. Am Ende heißt es: »Und die Moral von der Geschicht': Bad' zwei in einer Wanne nicht!«


Das Bad am Samstagabend

Und sie bewegt sich doch...soll angeblich am 22. Juni 1633 der große italienische Physiker, Mathematiker, Philosoph und Astronom Galileo Galilei (1564-1642) gesagt haben, als er von der Inquisition gezwungen wurde, seinen Theorien über die Bewegung der Erde abzuschwören. Der Spruch wird bis heute allen Bewegungsleugnern und Feinden gegenüber angewandt, allerdings - Galilei war nachweislich nie im Kerker, (stand jedoch unter ständigem Hausarrest) noch hat er je diesen Ausspruch getan...
Erst im Oktober 1992 gestand eine päpstliche Kommission den Irrtum des Vatikans ein, und Galileo wurde offiziell rehabilitiert.

Und ward nicht mehr gesehen...heißt es in der Bibel: »Ambulavitque cum Deo et non apparuit quia tulit eum Deus« - »Vnd die weil er ein göttlich Leben führet nam jn Gott hin weg vnd ward nicht mehr gesehen«. (Genesis 5.24)

Und wenn der ganze Schnee verbrennt...drücken wir bei gewagten Unternehmungen aus, daß wir zu allem fest entschlossen sind, trotz möglicher Fehlschläge alles nur irgend Machbare versuchen werden. Dieser skurrile Spruch geht auf Gerhard Hauptmanns (1862-1946) berühmtes Sozialdrama »Die Weber« von 1892 zurück: Der alte Webermeister Hilse ist über den Weberaufstand empört und setzt sich an seinen Webstuhl: »Hie bleiben mer sitzen und tun, was mer schuldig sein, und wenn d'r ganz Schnee verbrennt.« (I, 479). Der Volksmund machte daraus später diverse Ableitungen wie: »Und wenn der ganze Schnee verbrennt, die Asche bleibt uns doch.«

Undank ist der Welten LohnDieser sprichwörtliche Stoßseufzer darüber, daß man niemals mit Dankbarkeit rechnen sollte, geht auf den 2. Korintherbrief (12,11ff) des Neuen Testaments zurück: Paulus protzt nicht mit all den Wundern, die durch ihn geschehen sind, erwartet auch keinen Unterhalt von den Korinthern, doch er erntet nur Verachtung. Beißend ironisch bittet er um Vergebung für das »Unrecht«, ihnen nicht zur Last gefallen zu sein. Eine Schande, daß er, der nur ihr Heil im Blick hatte, sich so verteidigen muß: »Factus sum insipiens vos me coegistis ego enim debui a vobis commendari nihil enim minus fui ab his qui sunt supra modum apostoli tametsi nihil sum. Signa tamen apostoli facta sunt super vos in omni patientia signis et prodigiis et virtutibus« - »Warumb das? Das ich euch nicht solte lieb haben? Gott weis es. Was ich aber thue vnd thun wil, das thu ich darumb, Das ich die vrsache abhawe, denen, die vrsache suchen, das sie rhuemen moechten, sie seien wie wir«.
In der Verserzählung »Wer Welt Lohn« (1280) des Konrad von Würzburg (um 1220-87) lernt der Ritter Wirnt von Grafenberg die Frau Welt, eine schöne Dame, kennen. Diese stellt die personifizierte Welt dar und offenbart dem Ritter ihre Kehrseite, worauf er erkennt, daß sein Streben nach der Anerkennung der Welt falsch war. Daraufhin verläßt er Frau und Kinder, um sein weiteres Leben als Soldat Gottes zu verbringen.

Ungehobelter Klotz...nennen wir ärgerlich jemanden, der sich besonders grob und schlecht erzogen benimmt - nach einem rohen, noch unbearbeiteten Stück Holz, dessen eigentliche Schönheit ja auch erst nach dem Hobeln und Schleifen zum Vorschein kommt.
Diese Redensart geht wohl auf den altehrwürdigen Brauch der akademischen »Deposition« zurück, der um das Jahr 360 begründet wurde. Aus der ursprünglichen »Wasserweihe«, einem rituellen, mit allerlei Klamauk angereicherten Bad, mit dem Novizen athenischer Sophistenschulen in den Kreis der Studenten aufgenommen wurden, entwickelte sich mit der Zeit die »depositio cornuum« - das »Ablegen der Hörner« -, ein Initiationsritus spätmittelalterlicher Studiergemeinschaften: Dabei wurde der Student in einem Zeremoniell als monströses Tier verkleidet, um anschließend mittels überdimensionaler Handwerksinstrumente recht unsanft bearbeitet und von den Attributen der ›Wildheit‹ befreit, gründlich gereinigt und verschönert zu werden. Im 18. Jahrhundert wurde dieser inzwischen längst zur Farce verkommene Brauch allmählich aufgegeben.

Ungeschliffener Diamant...steht heute als bildlicher Vergleich für jemanden, der zwar talentiert ist, aber noch viel lernen, jede Menge Erfahrungen sammeln muß. Daß ein Diamant erst so richtig wertvoll wird, wenn er geschliffen ist, leuchtet ein. Andererseits geht diese Wendung auch auf die Handwerkssprache zurück, als es noch Brauch war, einen Anwärter zur Aufnahme in eine Zunft einer symbolischen, nicht immer ganz ungefährlichen Zeremonie - dem »Schleifen« - zu unterziehen. »Ungeschliffen« war auch, wer dieses Procedere noch nicht überstanden hatte.

Ungeschoren davonkommen...können Missetäter, die ohne jegliches Unrechtsbewußtsein einfach »ihr Ding machen« und dabei unbehelligt, ohne Strafe bleiben. Der Ausdruck bezieht sich wohl auf mittelalterliche Bader, die in öffentlichen Badestuben dem Gast Haar und Bart scheren mußten. Auch ein Zusammenhang mit der alljährlichen Schafschur, vor der so manch »schwarzes Schaf« sich erfolgreich drückte, ist hier denkbar.

Ungewaschenes Maul...nennt man jemanden, aus dessen Mund nur unnützes Geschwätz oder schmutzige und freche Reden kommen. Die beste Reinigung für den Mund sind nach Thomas Murner (1475-1537) Gebete - er predigt in der »Narrenbeschwörung« (47,12): »Das mul solt ir mit beten weschen«.

Ungläubiger Thomas...nennen wir einen ewigen Zweifler und Skeptiker: Es gibt immer wieder Ereignisse, die so seltsam anmuten, daß wir einfach nicht daran glauben können, ohne es mit eigenen Augen gesehen zu haben. Auch der sprichwörtliche »Ungläubige Thomas« (aram. »teoma« - Zwilling), einer der zwölf Apostel des Neuen Testaments, der die gleichen Gesichtszüge wie Jesus gehabt haben soll, zweifelt zunächst an dessen Wiederkunft. Erst als Jesus auch ihm erscheint und er seine Wunden betastet hat, glaubt er an dessen Auferstehung: »Thomas autem unus ex duodecim qui dicitur Didymus non erat cum eis quando venit Iesus dixerunt ergo ei alii discipuli vidimus Dominum ille autem dixit eis nisi videro in manibus eius figuram clavorum et mittam digitum meum in locum clavorum et mittam manum meam in latus eius non credam et post dies octo iterum erant discipuli eius intus et Thomas cum eis venit Iesus ianuis clausis et stetit in medio et dixit pax vobis deinde dicit Thomæ infer digitum tuum huc et vide manus meas et adfer manum tuam et mitte in latus meum et noli esse incredulus sed fidelis respondit Thomas et dixit ei Dominus meus et Deus meus dicit ei Iesus quia vidisti me credidisti beati qui non viderunt et crediderunt« - »Thomas aber der Zwelffen einer der da heisset Zwilling war nicht bey jnen das Jhesus kam. Da sagten die andern Jünger zu jm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu jnen: Es sey denn das ich in seinen Henden sehe die Negelmal vnd lege meinen Finger in die Negelmal vnd lege meine Hand in seine Seiten wil ichs nicht gleuben.. Vnd vber acht tage waren aber mal seine Jünger drinnen vnd Thomas mit jnen. Kompt Jhesus da die thür verschlossen waren vnd trit mitten ein vnd spricht: Friede sey mit euch. Darnach spricht er zu Thoma: Reiche deinen Finger her vnd sihe meine Hende vnd reiche deine Hand her vnd lege sie in meine Seiten vnd sey nicht vngleubig sondern gleubig. Thomas antwortet vnd sprach zu jm: Mein Herr vnd mein Gott. Spricht Jhesus zu jm: Dieweil du mich gesehen hast Thoma so gleubestu. Selig sind die nicht sehen vnd doch gleuben«. (Johannes 20.24-29)

UnglücksrabeSprichwörtlich ist der Titel von Wilhelm Buschs (1832-1908) Bildergeschichte »Hans Huckebein, der Unglücksrabe« geworden, doch galt der Rabe schon von jeher als Unglücksbote: Aufgrund seiner schwarzen Farbe und weil er ein Aasfresser ist, sagte ihm der Volksglaube eine Beziehung zum Tod nach und sein Krächzen wurde als Todesomen gedeutet.

UnholdIn nordischen Sagen gab es neben den bösen »Trollen«, auch gute Geister wie Elfen und Feen, die »Holde« hießen. Deren Anführerin Hulda begegnet uns 1812 in den »Kinder- und Hausmärchen« der Gebrüder Grimm als Schneemacherin »Frau Holle«.

UnkenJemand ist nicht gerade allzu positiv eingestellt, er sieht für alles schwarz und prophezeit schnell pessimistisch ein schlimmes Ende: Das Wort geht auf die traurig klingenden Rufe der Feuerkröten, auch »Unken« zurück: Von Alters her galten sie als geheimnisvoll, da ihre Rufe nur schwer zu orten sind. So wurden sie oft als Vorboten schrecklicher Ereignisse gewertet. Da diese Lurche zudem nun wahrlich keine Kuscheltiere sind, hatten sie alsbald ihren Ruf als Unheilverkünder weg.

Unnötig wie ein Kropf...ist etwas völlig überflüssiges, sinnloses, das man wirklich zu nichts gebrauchen kann, auf dessen Existenz man keinerlei Wert legt, das uns vielleicht gar behindert. Die Redensart geht auf eine in den allermeisten Fällen zu verhindernde krankhafte Vergrößerung der Schilddrüse zurück, die durch Jodmangel entsteht und mit zunehmender Größe u.a. zu Schluckbeschwerden oder Luftnot führen kann. Darauf kann man leichten Herzens verzichten.

Unrecht gut gedeihet nichtDieses Sprichwort verdanken wir der Bibel. In seinen »Lehren von Weisheit und Frömmigkeit« erklärt uns der israelitische König Salomo: »Non proderunt thesauri impietatis iustitia vero liberabit a morte« - »Vnrecht Gut hilfft nicht, Aber Gerechtigkeit errettet vom Tode«. (Sprüche 10.2)

Unser Sommer ist nur ein grün angestrichener Winter...sagen wir, wenn der Sommer mal wieder viel zu regenreich und sonnenarm ausgefallen ist. Der Ausspruch stammt ursprünglich aus Heinrich Heines (1797-1856) drittem Teil der »Reisebilder« (Reise von München nach Genua). Im Kapitel XVI schildert er eine Szene auf dem Marktplatz von Trient, wo er angesichts der Fülle südlicher Früchte im Gespräch mit einer Marktfrau bemerkt:
»Ach liebe Frau, in unserem Lande ist es sehr frostig und feuchte, unser Sommer ist nur ein grün angestrichener Winter, sogar die Sonne muß bei uns eine Jacke von Flanell tragen, wenn sie sich nicht erkälten will; bei diesem gelben Flanellsonnenschein können unsre Früchte nimmermehr gedeihen, sie sehen verdrießlich und grün aus, und unter uns gesagt, das einzige reife Obst, das wir haben, sind gebratene Äpfel«.

Unsicherer KantonistZu Zeiten von »Preußens Glanz & Gloria« hatte man das Land in Kantone (Rekrutierungsbezirke) eingeteilt. Diese Einteilung umfaßte unter anderem die Pflicht zum Kriegsdienst für Untertanen, allerdings waren die Bestimmungen durch den herrschenden Merkantilismus recht löcherig, sodaß sich Vermögende in aller Regel freikaufen konnten. Die Dienstpflicht mußte deshalb vor allem von den unteren Schichten ausgeübt werden. Ein »unsicherer Kantonist« war ein Rekrut, der sich dem Militärdienst durch Flucht entziehen wollte.

Unter aller Kanone...hat nichts mit einem Geschütz zu tun - gemeint war im 19. Jahrhundert ein Zensuren-Kanon (Note 1-5). Studierende und Schüler haben den lateinischen Kommentar: »Sub omni canone« (unter allem Kanon; unter aller Regel, hier: schlechter als Note 5) verballhornt. Die »Kanone« hat ihren Namen übrigens vom italienischen »canna« für »Rohr«.

Unter aller SauHier wird mal wieder unser beliebter Schnitzellieferant völlig zu Unrecht verunglimpft: Die Wendung kommt eigentlich vom jiddischen »seo« - »Maßstab«.

Unter Dach und FachIm Herbst ist der Bauer froh, wenn er das Getreide endlich unter Dach, also vor dem kommenden schlechten Herbstwetter in Sicherheit gebracht hat. Ursprünglich kommt der Ausdruck allerdings vom Hausbau: Erst wenn das Dach und alle Fächer (Zwischenräume zwischen den Ständern der Konstruktion) eines Fachwerkhauses fertig waren, war das Haus fertiggestellt. Heute ist etwas »unter Dach und Fach«, wenn ihm nichts mehr passieren kann, alle notwendigen und möglichen Sicherheitsmaßnahmen getroffen sind.

Unter dem Pantoffel stehenDa sich Frauen üblicherweise im Haus aufhielten und dort Pantoffeln trugen, stand der Mann, der sich - damals wie heute - der häuslichen Herrscherin unterwerfen mußte, »unter dem Pantoffel«...

Unter den Hammer kommen...Waren, die man bei Auktionen versteigert - ganz einfach, weil diese in ihrer ursprünglichen Form mit einem Hammerschlag beendet werden.

Unter den Nagel reißen...wir uns etwas, das wir bei einer günstigen Gelegenheit auf nicht ganz korrekte Weise trickreich mitgehen lassen oder gar gewaltsam in Besitz nehmen, ehe ein anderer etwas dagegen tun kann:
Raubtiere reißen ihre Beute, indem sie sie unter ihre »Nägel«, ihre Krallen nehmen. Daher wird in der Gaunersprache etwas »gerissen«, das man sich widerrechtlich aneignet.
Eine andere Erklärung kommt aus der Landwirtschaft: Der »Nagel« ist ein T-förmiges Eisenteil an einer Pflugschar, mit dem der Bauer die Furchentiefe einstellen kann. Pflügt der Landmann über seinen Acker hinaus, »reißt« er sich mit den Furchen das Land des Nachbarn »unter den Nagel«.
Schon seit dem Mittelalter kannte man den Ausdruck »lange Fingernägel machen« für diebisches Verhalten, das sich heute auch in den Wendungen »lange Finger machen« oder »etwas krallen« wiederfindet.

Unter den Tisch fallen...lassen wir bildlich Sachen, die uns - wenigstens für den Augenblick - nicht mehr interessieren. Der Ausdruck soll deutlich machen, daß etwas bewußt außer Acht gelassen wird - ähnlich, wie wir uns bei einem üppigen Festmahl kaum um die heruntergefallenen Krümel kümmern würden. Früher ließ man sogar unverdauliche Speisereste und Knochen für Hund und Katz unter den Tisch fallen - der Begriff hat sich im Laufe der Zeit allgemein auf »unverdauliche« Themen ausgeweitet.

Unter der Fuchtel stehenWer in strenger, erzwungener Ordnung leben muß, steht »unter der Fuchtel«, ursprünglich einem stumpfen, breiten Fechtdegen, dessen Hiebe besonders schmerzhaft sind und der zum Sinnbild harter militärischer Zucht wurde.

Unter die Arme greifenBeim Turnier, dem ritterlichen Zweikampf, griff der Knappe oder Sekundant dem Verletzten, der bei einem Turnier gestürzt war, »unter die Arme« und half ihm wieder »auf die Beine«. Heute helfen wir allgemein jemandem aus einer Notlage.

Unter die Haube kommenSchon bei den alten Germanen und Römern war verhülltes Haar Erkennungszeichen verheirateter Frauen. Solange sie ledig war, trug die Jungfer ihre Haare offen - ab dem Hochzeitstag wurden ihre Haare geflochten, hochgesteckt und unter einer Haube verborgen. Dadurch konnte ein Freier - das war damals noch einer, der mit Heiratsabsichten um eine Frau warb, und nicht der Kunde einer Prostituierten - auf den ersten Blick erkennen, welche Braut noch zu haben war. Im Mittelalter war die Haube nicht nur gute Sitte, sondern auch ein Zeichen der Frauenwürde, eine (verheiratete) Frau ohne Haube galt als »lose«.

Unter die Nase reiben...wir jemandem etwas, wegen dem wir ihm ernste Vorhaltungen machen, es ihm unverblümt und überdeutlich zu verstehen geben. Wollen wir einen Geruch ganz genau wahrnehmen, halten wir das Objekt dicht unter die Nase und bewegen es leicht hin und her. So ist die Nase besonders empfindlich. Riecht etwas besonders übel, wollen wir es uns nicht länger »unter die Nase reiben« lassen, bildlich nicht an den Fehler erinnert werden.

Unter einen Hut bringen...müssen wir oft verschiedene Sachen, die wir miteinander vereinbaren, koordinieren. Der »Hut« steht hier bildlich für die Herrschaft - ähnlich wie der Machtbereich eines Königshauses »unter der Krone« steht. So heißt es in »Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts« von Heinrich von Treitschke (1834-96): »Die bigotten Kurtrierer kam es hart an, daß sie mit den protestantischen Katzenellenbogern unter einen Hut gerieten«.

Unter einer Decke stecken...heißt heute so viel wie »mit jemandem insgeheim gemeinsame Sache machen, um unlautere Ziele zu verfolgen, im Verborgenen zusammenarbeiten, klüngeln«: Wer gemeinsame Interessen vertreten will, muß sich - oft in aller Heimlichkeit - darüber verständigen. Das kann zum einen unter einer Zimmerdecke im trauten Kämmerlein geschehen, wo die Wände keine Ohren haben. Ursprünglich ging es aber tatsächlich um die Bettdecken: Im germanischen Eherecht galt eine Verbindung erst dann als rechtskräftig geschlossen, wenn sich das junge Paar vor Zeugen unter die nunmehr gemeinsame Decke begeben hatte.
Aber auch Waffenbrüder, die sich auf einer Burg oder im Felde ein Lager teilen mußten, steckten »unter einer Decke«. Diese in mittelalterliche Ritterepen oft beschworene Treue und Freundschaft bekam erst später den negativen Beigeschmack des Kriminellen.

Unter jemandes ÆgideDer Gott Hephaistos schmiedete für Göttervater Zeus das Schild Aigis. In der Mitte dieses Schildes war das bedrohliche Haupt der Medusa mit ihren Schlangenhaaren zu sehen, was eine lähmende Wirkung auf die Gegner hatte. Die übertragene Bedeutung für »Schirm« oder »Schutz« finden wir noch heute in »unter jemandes Ægide«, also unter der Leitung und Verantwortung von jemand anderem.

Unter seine Fittiche nehmen»Habitabo in tabernaculo tuo iugiter sperabo in protectione alarum tuarum semper« - »Jch wil wonen in deiner Hütten ewiglich Vnd trawen vnter deinen Fittichen«, heißt es in Psalm 61.5. Gott möge demnach seine Geschöpfe behüten, versorgen und vor Feinden bewahren, wie ein Vogel, der seine Jungen unter seinen Fittichen (Flügeln) birgt.

Unter uns Pastorentöchtern...kündigt an, daß die folgende Unterhaltung vertraulich bleiben, einem unerwünschten Zuhörer möglichst entgehen soll. Die Redensart, mit der man eine allzu freie Erörterung oder auch nur einen derben Ausdruck entschuldigt, kam Ende des 19. Jahrhunderts auf: Katholische Priester sind dem Zölibat verpflichtet und könnten daher eigentlich keine Töchter haben. Kam es dennoch vor, wurden Mütter und Nachwuchs zu strengstem Stillschweigen verpflichtet. Trafen sich nun gar zwei Pfarrerstöchter, mußte das Geheimnis Dritten gegenüber unter allen Umständen gewahrt bleiben.

Unterbelichtet...ist umgangssprachlich jemand, der »den tiefen Teller nicht erfunden hat«, einen recht niedrigen Intelligenzquotienten oder von der gerade gefragten Materie »keinen blassen Schimmer« hat. Der Ausdruck kommt natürlich aus dem Photographenhandwerk: »Unterbelichtet« ist eigentlich ein Bild, das bei der Aufnahme zuwenig Licht bekommen hat.

Unterbuttern...heißt, jemanden zu unterdrücken, nicht zur Geltung kommen zu lassen - wie den Butterklumpen im Butterfaß, der immer wieder unter die oben schwimmende Rahmschicht gedrückt wird.

Unterhopft...ist jemand, der Durst auf ein Bier hat oder (noch) nicht völlig besoffen ist.

Unverblümt...sagen wir gelegentlich jemandem sehr deutlich die Meinung: Das Antonym zu »durch die Blume« geht natürlich ebenfalls auf die »Blumensprache« des Mittelalters zurück, in der jede Blume eine Bedeutung hatte, und meint, daß man etwas offen und direkt ausspricht und nicht umständlich mit Andeutungen verbrämt und beschönigt.

Unverhofft kommt oft...sagt ein uraltes Sprichwort: Oft passiert etwas Überraschendes, womit man nicht gerechnet hat, man hat es nicht zu hoffen gewagt, nun ist es glücklicherweise eingetroffen. Schon der römische Komödiendichter Titus Maccius Plautus (251-184 a.C.) schrieb: »Insperata accidunt magis sæpe, quam quæ speres« - »Viel öfter kommt, was unverhofft, als man hofft« (Mostellaria 1.3.197), der Dichter Quintus Horatius Flaccus (65-8 a.C.) formulierte: »Grata superveniet, quæ non sperabitur« - »Beglückend wird die Stunde eintreten, welche man nicht erwartet« (Epistulæ 1.4.14), bei Titus Petronius Arbiter (um 14-66) heißt es: »Quod non exspectes, ex traverso fit« - »Was man nicht erwartet, tritt unvermutet ein« (55.2) und der Wahlspruch des Habsburger Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Ferdinand I. (1503-64) lautete »Accidit in puncto, quod non speratur in annis« - »Es ereignet sich im Augenblick, was man in Jahren nicht erhofft«.

Urgestein...bezeichnet eine Persönlichkeit, die schon sehr lange in ihrem speziellen Bereich tätig ist. Das Wort kommt aus der Geologie und wurde im 18./19. Jahrhundert für metamorphe Gesteine verwendet, von denen man annahm, daß diese schon zu Beginn der Erde entstanden waren.

UriasbriefUrias, Feldherr König Davids, mußte nach 2 Samuel 11.15 selbst einen Brief übergeben, in dem der König seinen Tod befahl: »Scribens in epistula ponite Uriam ex adverso belli ubi fortissimum proelium est et derelinquite eum ut percussus intereat«. - »Er schreibe aber also in den brieff: Stellet Vria an den streit da er am hertesten ist vnd wendet euch hinder jm abe das er erschlagen werde vnd sterbe«.

Urlaub...nennen wir heute die meist viel zu knappe Freizeit, die wir zwecks Erhalt oder Wiederherstellung unserer physischen und psychischen Leistungsfähigkeit dem Arbeitsplatz berechtigt und unter Fortzahlung der ebenfalls meist viel zu knappen Bezüge fernbleiben dürfen. Der Begriff leitet sich ursprünglich vom alt- bzw. mittelhochdeutschen »urloup« für »erlauben« ab: Ritter fragten im Hochmittelalter ihren Lehnsherren um Erlaubnis, um »Urlaub«, wenn sie in eine Schlacht ziehen wollten. Schon damals eine Art »Aktivurlaub«, wenn man so will...

URSTDie »Universelle Redewendung Spracharmer Teenager« wurde in den 1970ern als ostdeutsches Synonym für »sehr« oder das westliche »geil« meist als Steigerungsform verwendet. Nach 1990 noch in den Duden aufgenommen, ist es heute praktisch verdrängt durch Adjektive wie »fett«, »kraß« oder »cool«.

UsurpatorDer Ausdruck für jemanden, der widerrechtlich die Macht an sich reißt, geht auf das lateinische Verb »usurpare« (in Anspruch, Besitz nehmen, sich widerrechtlich aneignen) zurück. Es ist zusammengezogen aus »usu rapere« (durch Gebrauch rauben, durch tatsächlichen Gebrauch eine Sache in seinen Besitz bringen).


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